Fackelträger in spe?

TRIER. Zahm präsentierten sich Triers Sozialdemokraten beim Neujahrsempfang in den Viehmarkt-Thermen. Die sonst übliche Kritik an den politischen Mitbewerbern blieb aus, stattdessen lenkte Festredner Jean Asselborn (Luxemburg) den Blick weit über lokale und nationale Grenzen hinaus.

Die Neujahrsempfänge der SPD Trier haben sich zu gesellschaftlichen Ereignissen gemausert. So befanden sich im rund 200-köpfigen Publikum nebst roter Polit-Prominenz (unter anderem Wolfgang Leonhard mit Gattin Elke und Karl Diller) auch zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens, die eher zu anderen Parteien tendieren. Aussagen zur Stadt-Politik ersparte sich Triers SPD-Chef, Landtagspräsident Christoph Grimm (60). Nicht aus Mangel an Themen, sondern weil ihm der Parteitag am 31. Januar als geeigneteres Forum erscheint. Gleichwohl verblüffte er mit einer freimütigen Feststellung in eigener Sache: "Der Mitgliederverlust bereitet uns große Sorge." Glaubt man den Worten von Jean Asselborn (54), dann ist der Schwund an Inhabern von SPD-Parteibüchern ein seltsames Phänomen: "Wer für Gerechtigkeit ist, der ist ein Linker", erklärte der Präsident der Luxemburger Sozialistischen Arbeiterpartei (LSAP). Gleichwohl sah er sich bemüßigt, etwaigen programmatischen Missverständnissen schmunzelnd vorzubeugen: "Was bei uns Sozialisten heißt, das sind Sozialdemokraten." Asselborn, Bürgermeister von Steinfort, schlug in einem äußerst kurzweiligen 30-Minuten-Vortrag den Bogen von der Suche der Luxemburger nach einer neuen Identität bis hin zu einer Empfehlung an US-Wähler, Präsident Bush, der in der Irak-Frage "bewusst die Unwahrheit gesagt" und internationales Recht verletzt habe, eine Absage zu erteilen: "Der Kampf gegen den Terrorismus ist nicht mit Waffen zu gewinnen." Europas Sozialdemokraten forderte Asselborn auf, Farbe zu bekennen und zu verhindern, dass "die Mitte zu einem theologischen Wallfahrtsort für politische Allesfresser" werde. Für das Schwächeln der Euro-Linken macht er auch das Fehlen eines "Fackelträgers wie Willy Brandt" verantwortlich. Er selbst könnte ein solcher werden: Die Luxemburger wählen am 13. Juni ihre Abgeordnetenkammer, und Asselborn ist Spitzenkandidat der Oppositionspartei LSAP.