Familienzusammenführung: Das lange Warten aufs Zusammensein

Migration : Familienzusammenführung: Das lange Warten aufs Zusammensein

Seit zwei Jahren hat ein in Deutschland lebender Syrer seine Familie nicht gesehen. Papiere für die Einreise haben seine Frau und die Kinder. Wann sie kommen, weiß trotzdem niemand. Die Warteliste für Zusammenführungen ist lang.

Es waren gerade einmal sieben Minuten Verspätung, die der Zug von Trier nach Koblenz an diesem Tag hatte. Es waren sieben Minuten, die am Ende die Vorfreude von Monaten vernichteten. In dem Zug mit der kleinen Verspätung saß an jenem Tag Ende September Hamzah (Name von der Redaktion geändert), 37 Jahre alt, gelernter Elektriker, ein kurdischer Syrer. Knapp zwei Jahre lebte er zu diesem Zeitpunkt schon in Deutschland. Er weiß es genau, Daten kann er sich gut merken. Am 27. Oktober 2015 ist er eingereist, nach seiner Flucht aus Syrien.

23 Monate später jedenfalls will er die neue Heimat vorübergehend wieder verlassen. Die Reise beginnt in Schleidweiler, wo Hamzah seit dem Sommer lebt. Zu Fuß läuft er zum Bahnhof in Daufenbach. Von Daufenbach fährt ein Zug nach Trier, bis hierhin geht alles glatt. Mit sieben Minuten Verspätung trifft der Zug aus Trier in Koblenz ein, der Anschlusszug nach Frankfurt steht schon am Gleis. Es hätte fast geklappt, Hamzah erreicht den Zug. Aber die Türen öffnen sich nicht mehr, die Bahn setzt sich ohne Passagier Hamzah in Bewegung. Und der nächste Zug zum Flughafen hat 15 Minuten Verspätung. Der Flieger ist für Hamzah jetzt unerreichbar und sein Ziel, das griechische Thessaloniki, damit ebenfalls.

Es ist Winter, als er seine Geschichte erzählt. Die Geschichte jenes Tages und der Jahre davor. Dass er und seine Frau erst Freunde waren, dann ein Paar. Vier Kinder haben sie, zwei Jungs, zwei Mädchen. Gesehen hat er sie alle seit zwei Jahren nicht mehr. Er floh nach Deutschland, seine Frau blieb mit den Kindern in Griechenland. Erst im Flüchtlingscamp, mittlerweile haben sie eine Wohnung in Thessaloniki.

Hamzah hat in Deutschland den sogenannten subsidiären Schutz, das heißt, seine Aufenthaltungserlaubnis wird jedes Jahr neu geprüft. Geflüchtete mit diesem Status dürfen ihre Familien eigentlich nicht nachholen. Dass es in Hamzahs Fall trotzdem möglich ist, liegt an der sogenannten Dublin III Verordnung. Die regelt, dass Asylsuchende für die Dauer ihres Asylverfahrens das Recht haben, mit ihren Familien zusammengeführt zu werden – sofern die Angehörigen bereits in einem Land des Dublin-Abkommens leben.

Alle Papiere sind fertig. Aber in Deutschland sind Hamzahs Frau und die Kinder damit noch lange nicht. „Ich schlafe schlecht, habe Kopfschmerzen. Ich mache mir Sorgen um sie“, sagt er. Es gibt keinen Einreisetermin. Nach den Statuten des Dublin-Abkommens müssen sie spätestens sechs Monate nach Ausstellung der Visa einreisen. Das wäre nach Angaben der Kreisverwaltung am 14. Dezember gewesen. „Wir wissen, dass sie in Frankfurt landen werden. Aber nicht wann“, sagt Thomas Müller, Sprecher der Kreisverwaltung Trier-Saarburg. Die griechischen Behörden seien dafür zuständig, einen Termin zu nennen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wiederum verweist auf das Auswärtige Amt – aber auch dort gibt es keine Antwort. Nähere Angaben zum Fall könne man aus Datenschutzgründen nicht machen, erklärt die Behörde mit Sitz in Berlin. Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl beklagte schon im Mai, dass die Bundesregierung trotz geltender Verordnung die Zusammenführung deckele. Nur 70 Menschen seien im April 2017 aus anderen EU-Ländern mit ihren Familien in Deutschland zusammengeführt worden. Die Warteliste sei weit länger. Das Bundesinnenministerium begründet das mit „teilweise begrenzten Unterbringungs- und Betreuungsmöglichkeiten“. Für Pro Asyl absurd: „In Deutschland stehen Unterkünfte leer, in Griechenland leben Schutzsuchende auf der Straße“, heißt es in einer Stellungnahme der Organisation.

Hamzah muss also weiterhin warten. Wenn sie kommen, sagt er, wird alles besser. Dass es im September mit dem Besuch nicht geklappt hat, sei gar nicht so schlimm. Auch nicht, dass damit das Geld für das Flugticket verloren war. Das hatte er mühsam zusammengespart, einiges von Freunden geliehen. Die Schulden stottert er jetzt ab. Ein paar Bekannte aus Rodt haben gespendet. Zehn, 20, 50 Euro. Die Schulden werden kleiner, die Zeit vergeht, und Hamzah wartet. „Ich warte auf die Wende“, sagt er. Die Wende, das ist der Tag, an dem Hamzahs Familie kommt.

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