Fast wie im richtigen Gerichtssaal

Fast wie im richtigen Gerichtssaal

Wer ein Jura-Studium absolviert hat, kennt sich in der Regel gut mit Paragrafen aus. Doch wenn er sich für eine Tätigkeit am Gericht entscheidet, hat er es plötzlich mit Menschen zu tun. Und mit ziemlich komplizierten Abläufen. Deshalb geht die Uni Trier mit einem simulierten Gerichtsverfahren neue Ausbildungswege.

Trier. Die Situation hat etwas von einer Theaterbühne. Jura-Studenten spielen im alten Schwurgerichtssaal des Trierer Landgerichts Richter, Beisitzer, Staatsanwälte und Verteidiger. Als Angeklagte, Gerichtsdiener, Zeugen und Polizisten dienen wiederum Stützen der Trierer Justiz, darunter Anwälte, Richter und sogar ein Ex-Generalstaatsanwalt aus Frankfurt, der als Gast mit sichtlichem Genuss den renitenten Angeklagten mimt.
Vorbereitung auf die Praxis


Aber die Sache ist ernster, als sie scheint. Denn die 24 Studierenden, die im Rahmen ihres Studiums ein Semester lang auf ihre Aufgabe vorbereitet wurden, könnten über kurz oder lang tatsächlich im Gerichtssaal stehen.
Und dann geht es um alles oder nichts, um menschliche Existenzen diesseits und jenseits der Anklagebank. Und darauf sind Neu-Juristen oft zu wenig vorbereitet, wie der Trierer Strafrechtsprofessor Mark Zöller in seiner kurzen Einleitung anmerkt. Deshalb praktiziert Zöller eine in den USA erfundene Lehrmethode, die sich "Moot Court" nennt, eine Art simulierter Gerichtsverhandlung.
Es geht, am letzten Tag des Semesters, um einen fiktiven Fall räuberischer Erpressung, von dem man freilich nicht genau weiß, ob es überhaupt einer ist. Sehr schnell wird deutlich, dass die rechtliche Bewertung in einem Strafverfahren nur einen kleinen Teil der Arbeit des Gerichts ausmacht. Viel schwieriger ist es, aus schwatzhaften Zeugen, aufgeregten Opfern und schweigsamen Angeklagten den tatsächlichen Gang der Dinge herauszufragen. Da kann schon die Behauptung des vermeintlichen Täters, er sei gar nicht die Person, um die es gehe, ein Gericht mächtig ins Schwitzen bringen.
Die Studenten kämpfen wacker, was freilich nichts daran ändert, dass das Gericht nach einer Viertelstunde schon mindestens fünf Revisionsgründe geliefert hat. Mal hat man eine Belehrung vergessen, mal das Fragerecht der Verteidigung gekappt, und als eine junge Richterin deutliches Verständnis für den Angeklagten erkennen lässt, zuckt der (echte) Trierer Staatsanwaltschafts-Chef Jürgen Brauer zusammen, als würde er die Befangenheitsanträge bereits ahnen.
Deutlich wird: Anklage, Verteidigung und Urteilsfindung erfordern ein hohes Maß an handwerklichem Geschick. Sonst wird der Prozess schnell zum Hindernisrennen. Wie bei Richterin Salesch oder Danni Lowinski einfach mal die Formalitäten ignorieren, ist nicht. Die Verhandlung stolpert von einer Unterbrechung zur nächsten, die Profis machen es mit ihrem Rollenspiel den Youngstern aber auch nicht leicht. Die Vernehmung der ersten beiden (von insgesamt zehn) Zeugen nimmt schon mehr als zwei Stunden in Anspruch. Im stickigen Gerichtssaal - zumindest das entspricht uneingeschränkt der Realität - macht sich Fatalismus breit.
Der Wahrheit kommt man dabei nur langsam näher. "Es ist unheimlich schwer, die richtigen Fragen zu stellen", sagt Oberstaatsanwalt Brauer. Ob er nur die Studenten meint? Die notwendige Mischung aus Sachkunde, Selbstbewusstsein und Sensibilität vermissen Beobachter im Gerichts-Alltag gelegentlich auch bei den Profis.
Der Übungs-Prozess tendiert derweil zum Entgleiten, aber mit der Zeit nähert man sich dann doch einem Ergebnis. Vier Jahre und drei Monate setzt es für den Angeklagten, nach fünf Stunden Verhandlung. Da sind die anfangs zahlreich vorhandenen Pressevertreter längst entschwunden - auch das durchaus realitätsnah. Im wahren Leben gäbe es wohl eine Revision. Aber diesmal gibt es für die Nachwuchs-Juristen nur die verdienten Semesterferien.