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FDP erhebt falsche Anschuldigung

FDP erhebt falsche Anschuldigung

Ihren Ausstieg aus dem Ampelbündnis im Stadtrat begründet die FDP auch mit "Übergriffen gegen unsere Wahlhelfer von Jugendlichen der Grünen". FDP-Fraktionschef Karl-Josef Gilles hatte diesen Vorwurf in der Rathauszeitung, dem Mitteilungsblatt der Stadtverwaltung, erhoben. Doch offenbar handelte es sich bei dem Vorfall um eine Lappalie, an dem keine Grünen beteiligt waren.

Trier. Man könnte meinen, die Trierer Grünen seien ein gewalttätiger, schadenfroher und unfairer Haufen, liest man die Zeilen, die Karl-Josef Gilles für die aktuelle Ausgabe der Rathauszeitung verfasst hat. Von einer "Häufung von Anfeindungen und Häme" gegenüber seiner Partei schreibt der Vorsitzende der FDP-Stadtratsfraktion in der Postille der Stadtverwaltung.

Dass die Grünen sich bei ihrer Wahlparty über das schlechte Abschneiden der FDP bei der Landtagswahl gefreut hätten, sei ein "Verhalten gegenüber einem Bündnispartner", das "sich durch nichts entschuldigen" lasse, schimpft Gilles. Und auf dem Kornmarkt sei es in der Woche vor der Wahl sogar zu "Übergriffen gegen unsere Wahlhelfer von Jugendlichen der Grünen" gekommen.

Worin die "Übergriffe" bestanden haben sollen, darüber klärt Gilles in der Rathauszeitung nicht auf. Kann er auch gar nicht, denn der FDP-Vorsitzende war an dem fraglichen Samstag, 19. März, gar nicht am Wahlstand seiner Partei anwesend. Von den Übergriffen sei ihm nur berichtet worden, erklärt er auf TV-Anfrage. Glaubhaft hätten allerdings zwei Parteimitglieder, die vor Ort waren, ihm berichtet, dass Jugendliche Infoblätter klauen wollten und gepöbelt hätten, dass die FDP bei der Wahl ohnehin verlieren werde.

Nachgehört bei den Grünen und dem FDP-Vizekreisvorsitzenden Tobias Schneider, der am Wahlstand dabei war, stellt sich heraus: Weder waren Mitglieder der Grünen Jugend vor Ort, noch gab es einen Übergriff. Vielmehr hat sich offenbar eine Lappalie zugetragen: "Es kamen ein paar Kids vorbei mit T-Shirts, auf denen Green Team stand", berichtet Schneider. "Wir waren schon beim Abbauen, und die Kinder wollten uns Flyer aus dem Karton klauen, wovon wir sie dann abgehalten haben. Dann haben sie noch ein paar Sprüche gemacht." Die FDP-Wahlhelfer gingen davon aus, dass die Kinder zu den Grünen, die wenige Meter weiter ebenfalls einen Stand aufgebaut hatten, gehörten. "Aber weil der Vorfall wirklich nicht gravierend war, hielten wir es nicht für nötig, mit den Grünen ein Gespräch zu suchen", erklärt Schneider. Warum Gilles die Sache in der Rathauszeitung als "Übergriff von Jugendlichen der Grünen" darstellt, dazu könne er selbst nichts sagen.

Zumal die Übeltäter gar nicht zu den Grünen gehören: Green Team heißt die Jugendgruppe der Umweltorganisation Greenpeace, die am selben Tag in der Stadt einen Anti-Atomkraft-Stand hatte. "Es waren ein paar Kinder unserer Jugendgruppe dabei, die T-Shirts mit der Aufschrift Green Team anhatten", bestätigt Tatjana Schneckenburger. Die ältesten der Kinder seien zwölf Jahre alt gewesen. "Dass es da einen solchen Vorfall gegeben haben soll, davon hatte ich allerdings bislang nichts gehört", sagt die Greenpeace-Sprecherin. "Aber es war ja offenbar auch harmlos und nichts, was als Übergriff zu bezeichnen ist."

Die Grünen sind angesichts der offenbar haltlosen Vorwürfe sauer. Die Grüne Jugend spricht von einer "offensichtlichen Verleumdung" und wirft Gilles vor, sie aus "macht- und imagepolitischem Kalkül" in eine "Schlammschlacht" zu verwickeln. "Wir verlangen eine Entschuldigung und eine Richtigstellung", fordern Kreisvorstandssprecher Thorsten Kretzer und Peter Weber, Sprecher der Grünen Jugend.

Bis zum Freitagnachmittag sah Gilles dafür keinen Grund: "Es steht Aussage gegen Aussage", erklärte er auf TV-Anfrage.

Meinung

Realitätsverlust

Von Christiane Wolff

Die Freude der Grünen am Wahlabend darüber, dass im Land nicht Schwarz-Gelb regieren kann, ist für Karl-Josef Gilles also "nicht zu entschuldigen". Dinge, die er selbst nur vom Hörensagen kennt, öffentlich aufzubauschen und den Grünen so indirekt Gewaltbereitschaft zu unterstellen - damit hat er dagegen offenbar kein Problem. Sogar nachdem feststeht, dass die Wirklichkeit anders aussieht, versucht er, sich rauszuwinden: Wer die Übeltäter waren, könne nur durch eine Gegenüberstellung tatsächlich festgestellt werden, erklärt er allen Ernstes im TV-Gespräch. Und den Ausdruck "Übergriff" habe er im Brockhaus nachgeschlagen. Er bedeute unter anderem einen "Eingriff in die Rechte Anderer" - und nichts anderes sei ein versuchter Infoblatt-Klau. So sehr er sich als Kommunalpolitiker in der Vergangenheit engagiert hat: Gilles scheint den Kontakt zur Realität verloren zu haben.
c.wolff@volksfreund.de