Ferien vom Terror

TRIER. Beim diesjährigen "Sportcamp" des Stadtlauf e.V. gastiert erstmals auch eine Delegation israelischer Jugendlicher, deren Heimatstadt fast täglich mit Raketen beschossen wird.

"Eine Rakete explodierte 200 Meter von unserem Haus, alle Fenster gingen zu Bruch.", erzählt der 16-jährige Itamar, zupft dabei an seinen Fingernägeln, beteuert aber, dennoch gut zu schlafen. Ob das nicht nur coole Fassade sei, frage ich den betreuenden Lehrer Avihai Damari, der mit zehn Schülern aus dem israelischen Sderot in der Postsporthalle gastiert. "Natürlich spielen die Jungs ihre Ängste herunter", stimmt er zu. "Aber tatsächlich gewöhnt man sich an die Raketen, und gerade das ist ja der Irrsinn." Sderot liegt in der Negevwüste, wenige Kilometer vom nordöstlichen Zipfel des Gazastreifens gelegen. Die Nähe zum palästinensisch verwalteten Gebiet macht die 20 000 Einwohner zählende, unter hoher Arbeitslosigkeit leidende Stadt zum Ziel für Dauerbeschuss durch die terroristische Hamasbewegung mit primitiven "Kassam"-Raketen, die etwa zehn Kilometern Reichweite haben. Dauerbeschuss hat zugenommen

Seit die Israelis 2005 den Gazastreifen verlassen haben, hat das Dauerfeuer noch zugenommen. Über 3000 Raketen haben seitdem Tote, darunter Kinder, sowie hunderte Verletzte gefordert. Da die Raketen aber nur sehr ungenau sind, treffen sie nicht immer bewohnte Gebiete. Im Mai schlug eine in die High School ein, der Hausmeister wurde dabei schwer verletzt, der Unterricht fiel die letzten zwei Wochen vor den Ferien aus. Die ständige Bedrohung zerrt an den Nerven: Zwar hat per Gesetz jedes Haus einen Schutzraum, aber wenn das lokale Radarwarnsystem einen Angriff registriert, und der gespenstische Ruf "Schachar adom!" (hebräisch: rotes Morgengrauen )" aus den im Stadtgebiet verteilten Lautsprechern schallt, bleiben nur Sekunden, bis auf ein schrilles Pfeifen die Detonation folgt. Tausende Einwohner leiden unter posttraumatischem Stress, viele nehmen Psychopharmaka. Mehrfach gab es Protestaktionen, da viele meinen, die Regierung reagiere aus strategischem Kalkül zu zögerlich: vereinzelte Gegenschläge der israelischen Armee haben den Beschuss bisher nicht gestoppt. Kaum überraschend sind auch die jugendlichen Sportler keine bedingungslosen Pazifisten: "Die Israelis haben etwas für den Frieden getan, und den Gazastreifen verlassen, aber die Palästinenser beschießen uns weiterhin, daher ist der Krieg notwendig." Tags wie nachts hört man Einschläge

Oliver Lauer von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft war im Mai selbst in Sderot und hat den Urlaub vom Terror auf Einladung des Stadtlauf e.V. mitorganisiert: "Man hört Tags wie Nachts die Einschläge. Die Jungs sind unheimlich froh, dass sie jetzt mal in Deutschland sind und sich frei bewegen können, ohne bedroht zu sein", sagt er. Tatsächlich beschreiben die Jugendlichen, die im Fußballclub, vergleichbar zur deutschen B-Jugend spielen, die "friedliche Stille" in Trier als den Hauptunterschied zu ihrer Heimat und genießen die Zeit mit den anderen Gästen aus aller Welt. "Natürlich sind sie trotz allem auch ganz normale Jugendliche", sagt auch die betreuende Lehrerin Juliette Willinger-Rass und ein deutscher Campteilnehmer findet sie "vielleicht ein wenig aufgedrehter" als ihre nichtisraelischen Altersgenossen, aber doch erstaunlich gefestigt. Über die Zustände in der Heimat sprächen sie von sich aus fast gar nicht. "Wir wollen hier Leute treffen und Sport treiben und nicht ständig über Politik reden", bestätigt Ariel Golan, der wie fast alle aus der Gruppe in einem Kibbuz, einem ländlichen Kollektiv mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen, lebt.Israel will keiner verlassen

Israel verlassen will keiner der Jugendlichen: Das gemeinsame Schicksal verbindet. Auch der entbehrungsvolle, dreijährige Wehrdienst, den sie mit 18 antreten, ist für sie eine selbstverständliche Pflicht: "Wir wollen in der Armee unserem Land helfen", erklärt einer. Aber die Umstände seien natürlich grausam, ergänzt Trainer Damiri: "Eigentlich sollten die Jungs Mädchen jagen, stattdessen jagen sie Raketen."

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