"Finanzbeamter? Oh je!"

Mindestens einmal im Jahr hat nahezu jeder Erwachsene mit dem Finanzamt zu tun. Oft begleitet den Gedanken daran ein mulmiges Gefühl. Winfried Spanier ist seit 40 Jahren Finanzbeamter und arbeitet daran, den Menschen diese Angst zu nehmen.

Trier. Wenn Winfried Spanier seinen Beruf nennt, gibt es meistens dieselbe Reaktion: "Finanzbeamter? Oh je! Aber bei mir ist alles in Ordnung, ich hab nichts zu verbergen."
Seit exakt 40 Jahren ist Spanier beim Finanzamt Trier tätig. Wer einen missgelaunten und empathielosen Amtsschimmel erwartet, irrt. Er ist gelassen, freundlich und entspannt. "In den Anfangszeiten meiner beruflichen Laufbahn haben sich die Bürger oft von den Beamten von oben herab behandelt gefühlt", sagt er. "Die Angst vor der Obrigkeit war damals stark ausgeprägt."
Spanier vermutet, dass da Abneigung und Vorurteile herrühren, die noch heute für ein mulmiges Gefühl bei der Abgabe der jährlichen Steuererklärung sorgen. "Aber seit damals hat sich viel geändert", sagt er. "Der Servicegedanke steht bei uns im Vordergrund." Aus Steuerpflichtigen wurden Kunden, aus dem ungeliebten Amt ein Servicecenter mit Spiel- und Leseecke sowie bürgernahen Öffnungszeiten.
Dass sich viele trotzdem nicht mit dem Finanzamt anfreunden können, liegt auch an der Unsicherheit beim Ausfüllen der Formulare. "Hoffentlich habe ich alles richtig gemacht" - das ist Spanier zufolge die größte Angst des braven Steuerzahlers.
Er ist beim sogenannten Veranlagungsbezirk tätig. Seine Klientel sind Künstler, Freiberufler und Existenzgründer, um deren Ängste er weiß. "Besonders die Künstler sind ein Völkchen für sich", sagt er schmunzelnd. Wenn jemand gar kein Verhältnis zu Zahlen und Bürokratie habe, seien Geduld und Verständnis gefragt. "Man muss den Leuten die Angst nehmen. Und wenn man ihnen etwas hilft, gehen sie dankbar und erleichtert nach Hause. Das gibt auch mir ein gutes Gefühl." Genau das ist es, was Winfried Spanier an seiner Arbeit gefällt.
Wie einige seiner rund 400 Kollegen hat der 58-Jährige auch Erfahrung mit unfreundlichen oder verzweifelten Kunden. "Es kommt vor, dass Menschen am Telefon pöbeln oder auch weinen." Doch damit kann er umgehen. "Dann muss man sehen, dass man gemeinsam einen Weg findet. Es gibt immer eine Lösung."
Vielleicht ruft das Finanzamt künftig tatsächlich nur noch bei Steuersündern unangenehme Gefühle hervor - und das wäre ja auch nicht schlimm.
Extra

... kennt weder das Finanzamt noch eine Steuerpflicht, und damit bleibt die Staatskasse leer. Rathäuser und Behörden müssen schließen, alle Beamten erhalten die Kündigung. Auch Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten stellen ihren Betrieb ein. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht mehr. Die Straßen verfallen. Oder man privatisiert all diese Einrichtungen - und das Leben wird sehr viel teurer. Protokolliert von Karin Pütz