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Föhren: Beeinträchtigter 13-Jähriger braucht dringend Hilfe

Beeinträchtigter Jugendlicher : Kilian (13) aus Föhren braucht dringend Hilfe – doch die ist nicht leicht zu finden

Kilian ist körperlich und geistig stark beeinträchtigt. Seine Pflegeeltern aus Föhren suchen dringend Unterstützung und haben sich in ihrer Not an den Volksfreund gewandt: Findet sich wirklich niemand, der diesem Jungen hilft, ein selbstbestimmtes Leben zu führen?

Eigentlich hört es sich gut an: ein sicherer Arbeitsplatz in familiärer Umgebung, mit angemessener Bezahlung, individuell zu vereinbarenden Arbeitszeiten – auch neben einem Studium oder als Zweitjob durchführbar. Aber trotz eines viel beachteten Aufrufs in den sozialen Netzwerken durch den Club Aktiv findet sich niemand, der solch einen Arbeitsplatz haben möchte. Deshalb stellen wir Ihnen heute den kleinen „Arbeitgeber“ dieser Stelle vor.

Kilian kam als gesundes Baby zur Welt. Dann wurde er im Alter von zehn Wochen von seiner leiblichen Mutter schwer misshandelt. Kilian überlebte, aber die Ärzte wussten, dass der Säugling bleibende Schäden davontragen würde. Wie schwer, konnte niemand sagen. Nach dem Krankenhausaufenthalt waren die Eheleute Jürgen und Sabine Kieselmann als erfahrene Bereitschaftspflegeeltern die erste Anlaufstelle. Bereitschaftspflege bedeutet, dass sich für diese Kinder irgendwann entweder endgültige Pflegefamilien finden oder sie wieder zurück zu ihren leiblichen Eltern gegeben werden. Schon viele Pflegekinder hatten die Kieselmanns bis dahin in ihre Obhut genommen. Doch hier war klar: Der kleine Kilian, mittlerweile vier Monate alt, sollte bei ihnen bleiben – egal wie schwer seine Beeinträchtigungen durch die Misshandlung sein werden.

13 Jahre später sagt Pflegemutter Sabine Kieselmann: „Er ist ein Paket.“ Was sie damit meint: Kilian ist so gut wie blind, halbseitig gelähmt und schwer geistig beeinträchtigt. Er muss gewickelt, gewaschen und gefüttert werden und spricht nur wenige Worte, darunter ist „Nein!“. „Das aber in sehr vielen Varianten“, erzählt Sabine Kieselmann lachend.

Im Hause Kieselmann wird viel gelacht

Überhaupt wird viel gelacht in diesem Haus, dessen zentraler Punkt der große Esszimmertisch ist, unter dem ein kleiner Hund umherwuselt und jeden Besucher freundlich empfängt. Auf einer Sitzbank liegen zwei tiefenentspannte Katzen, im weihnachtlich geschmückten Haus duftet es nach Kaffee. Eben fand noch eine Teambesprechung mit den Assistenzkräften statt, die für Kilians Versorgung zuständig sind. Nun sind sie auf dem Weg nach Trier und haben Kilian mitgenommen. Dass er es kaum erwarten konnte, war ihm anzusehen. Obwohl niemand wirklich weiß, wie viel der 13-Jährige von seiner Umwelt wahrnimmt und was er versteht, besitzt er ein ausgesprochen feines Gespür für Stimmungen und Menschen.

Er teilt sich mit – und wer sich auf ihn einlässt, wird von diesem ganz besonderen Menschen mit in seine Welt genommen. Als Außenstehender merkt man ihm seine starke Sehbeeinträchtigung in seinem häuslichen Umfeld fast nicht an. Dass der Umgang mit einem Kind wie Kilian und dessen Emotionalität das eigene Leben bereichern, bestätigt eine seiner Assistenzkräfte, Esther Schmuck, die als Lehramtsstudentin bereits seit drei Jahren für den kleinen Jungen als Assistenzkraft tätig ist und deren Dienst an diesem Tag von 16.00 bis 8.00 Uhr geht. „Ich mache das auf Minijobbasis, das lässt sich wunderbar mit dem Studium vereinbaren“, erklärt sie und fügt hinzu: „Es ist eine absolute Herzenssache, mit ihm zu arbeiten. Man bekommt so viele Entwicklungen mit, das gibt einem sehr viel.“

Vier Studierende kümmern sich um Kilian

Momentan sind es vier Studentinnen und Studenten, die sich den 24-Stunden-Dienst bei Kilian teilen. Da das viel zu wenige sind, suchen die Kieselmanns dringend Unterstützung. „Fünf bis sechs weitere Leute sollten es noch sein“, sagt Sabine Kieselmann. Je mehr sich finden, desto flexibler können die individuellen Arbeitszeiten gestaltet werden. Weil Kilian das Opfer einer Gewalttat ist, kommt das Land gemäß dem Opferentschädigungsgesetz finanziell für die Betreuung durch Assistenzkräfte auf.

Doch nicht jeder Mensch komme für diese Arbeit in Frage, betont Sabine Kieselmann. Zwar sind ein guter Draht zu Kindern, Offenheit, Unbefangenheit, Zuverlässigkeit und Geduld die „offiziellen“ Voraussetzungen, aber: „Kilian sucht sich seine Leute selbst aus. Die Chemie muss stimmen, sonst funktioniert es nicht. Und das kann er deutlich zeigen.“ Mittlerweile ist Kilian aus der Stadt zurück und hat sich in seine Snoozle-Ecke zurückgezogen. Mit einer Kinderrassel streift er fast ununterbrochen an seinen Wangen entlang. Dieses stereotype Verhalten ist seiner Hirnschädigung geschuldet.

Inzwischen ist auch Jürgen Kieselmann eingetroffen und nimmt am langen Esstisch Platz. Auf die Frage, ob sie es jemals bereut haben, den kleinen Kilian bei sich aufgenommen zu haben, antworten die Eheleute kopfschüttelnd wie aus einem Mund: „Noch nicht einen Tag!“