Forschungsergebnisse: Jüdische Gemeinde Trier im 19. Jahrhundert intergriert

Bahnbrechend : Forschungsergebnisse: Freimaurerloge oder Militär - Jüdische Gemeinde in Trier integriert

Neuland: Uni-Historikerin Michelle Stoffel forscht über jüdisches Leben im 19. Jahrhundert. Die erstaunlichen Ergebnisse werden im Kurtrierischen Jahrbuch erstmals veröffentlicht.

Den vielleicht spannendsten Beitrag liefert Michelle Stoffel (26). Ihrem Thema „Zwischen Orthodoxie, Reform und Integration. Die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Trier im 19. Jahrhundert“ hat die Jahrbuch-Redaktion 50 der insgesamt 520 Seiten eingeräumt. Embach: „Das ist außergewöhnlich viel, aber absolut gerechtfertigt.“ Denn was nach einer sperrigen Angelegenheit klingen mag, entpuppt sich als wirklich lebensnah. Es geht um Wohnen, Arbeiten, jüdische Armut/Reichtum, Heiratspraxis, allgemeine Lebensführung und im Ganzen das christlich-jüdische Verhältnis – von Napoleon bis in den Ersten Weltkrieg.

Judengasse, Synagoge, eigener  Friedhof – man könnte glauben, Triers jüdische Bürger des 19. Jahrhunderts könnten eine eigenbrötlerische Gemeinschaft gewesen sein, die am übrigen Leben in der Stadt entweder nicht teilhaben durfte oder nicht wollte.

Das widerlegt Michelle Stoffel: „Die Zeit des Judenviertels endet im 15. Jahrhundert. Die Juden in Trier mussten seit dem 17. Jahrhundert nie separiert leben, sondern wohnten über Jahrhunderte in denselben Straßen und Gassen wie christliche Einwohner.“ Zum Nachweis dieser Wohnverhältnisse hat sie auf der Grundlage von Unterlagen aus dem Stadtarchiv und mit Hilfe ihres Kollegen Jort Blazejewski (29) eine schematische Karte erstellt, die die Verteilung jüdischer Wohnadressen im Stadtgebiet zur Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichnet. Damit, so die aus Krummenau (Kreis Birkenfeld) stammende Junghistorikerin, sei „eine zumindest räumliche Integration von Juden in die christliche Mehrheitsgesellschaft Triers schon  lange vor der rechtlichen Gleichstellung von Juden und Christen mit der Gründung des Kaiserreichs 1871 nachweisbar“.

Auch ein christlich-jüdischer Alltag sei da bereits seit Jahrzehnten Usus gewesen: „Davon zeugen zum einen unterschiedliche öffentliche Institutionen. So bot die Synagoge eine Begegnungsstätte für Juden und Christen, in der sogar hochrangige preußische Beamte sich einfanden. Auch das Schulwesen zeugt von einem verträglichen Zusammenleben.“ Zum anderen habe sich im Vereinswesen gezeigt, dass Juden und Christen nicht grundverschieden waren: „Zwar gab es gerade im letzten Drittel des Jahrhunderts auch antijüdische Vereine, die Juden kategorisch ausschlossen. Allerdings wurden Juden schon frühzeitig in die Casinogesellschaft und auch in die Freimaurerloge in Trier aufgenommen, was im Vergleich zu anderen Orten gewiss keine Selbstverständlichkeit war.“

Triers Juden im 19. Jahrhundert – keine homogene, einheitlich orientierte Gemeinschaft, sondern Trierer wie alle anderen und nicht ohne Konflikte untereinander. Ebenfalls besonders wichtig war es Michelle Stoffel, „den Nachweis zu erbringen, wie zahlreich jüdische Soldaten aus Trier, wie überall aus dem Reichsgebiet, im Ersten Weltkrieg mitkämpften. Dafür haben sich im Stadtarchiv und in zeitgenössischen Zeitungen viele Belege finden lassen. Von oberster Stelle hingegen wurde die Teilnahme jüdischer Frontsoldaten lange Zeit tabuisiert.“

Uni-Professor Stephan Laux (52), an dessen Lehrstuhl für Geschichtliche Landeskunde Michelle Stoffel seit April zur sogenannten Emanzipation von Juden in Deutschland promoviert, hält den Aufsatz für „bahnbrechend“. Denn zum Thema sei bislang so gut wie nichts, allenfalls sehr Spezielles, erschienen.

Stadtbibliotheks-Chef Embach zeigt sich „sehr erfreut, dass unsere Zusammenarbeit mit der Uni so beachtliche Ergebnisse hervorbringt und diese auch sofort bei uns publiziert werden können“.

Das Stadtarchiv als „wahre Fundgrube“ (Embach) – Michelle Stoffel regt weitere Studien an: „Es gilt noch vieles aufzuarbeiten, was das Zusammenleben der jüdischen Gemeinde mit den Protestanten, die ja ebenfalls eine religiöse Minderheit waren, und den Katholiken unter preußischer Herrschaft betrifft. So ist bisher wenig bekannt über die geheim geschlossenen Ehen zwischen Juden und Christen. Generell wirft das Leben abseits öffentlicher Institutionen noch Fragen auf.“

Ein Anfang ist nun zumindest mit der Aussage gemacht, dass – trotz vielfältiger Konflikte – Juden und Christen im Trier des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zusammenlebten, gemeinsam Festtage begingen, aber auch gemeinsam Armut und Kriegsleid erlebten.

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