Für ihn ist "Heuschrecke" ein Ehrentitel

Für ihn ist "Heuschrecke" ein Ehrentitel

TRIER. Früher war er nebenbei noch Kommandeur oder Geheimagent, heute ist er "nur" noch Präsident: Gustl Thormeyer, Chef der ältesten Trierer Karnevalsgesellschaft "Heuschreck". Am Samstag feiert August-Hermann, wie Thormeyer eigentlich mit Vornamen heißt, seinen 70.

Anders als sonstwo ist "Heuschreck" in Trier kein Schimpfwort, sondern eine Art Ehrentitel. "Heuschreck", das ist Triers älteste Karnevalsgesellschaft, gegründet im Revolutionsjahr 1848. Wer hier Mitglied ist, gehörte - rein gefühlsmäßig - schon immer zu den Wichtigen, Schönen und Reichen der Stadt. "Ich wusste gar nicht, was das ist"

Wer gar "Heuschreck"-Präsident ist, wie Gustl Thormeyer, ist mindestens so bedeutend wie der Oberbürgermeister und sein ganzer Stadtrat zusammen. Thormeyer, wegen seiner Länge auch "Langgustl" genannt, steht bereits seit 18 Jahren an der Spitze der Trierer Narrenvereinigung. Zwei weitere Jahre will der "Präsident", wie Freunde ihn häufig nennen, noch dranhängen, dann soll endgültig Schluss sein mit dem Ehrenamt als "Heuschreck"-Chef. Dabei hatte der 1936 in Pommern geborene Thormeyer, als er im April 1970 als Luftwaffensoldat erstmals nach Trier kam, "mit Karneval überhaupt nix am Hut". Die Bekanntschaft mit einem "Heuschreck"-Gardemädchen sollte dies ändern. Für den Rosenmontagszug 1973 stellte der studierte Diplom-Ingenieur, schon immer ein Freund rassiger Autos, dem "Heuschreck" sein Mercedes-Cabrio zur Verfügung - mit Gustl selbst am Steuer. Beim Aktivenessen einige Wochen später wurde Thormeyer als Dank von einer "Oberheuschrecke" gefragt, ob er keine Lust hätte, in den Elferrat zu kommen. Während Thormeyer noch überlegte ("Ich wusste gar nicht, was das ist"), erhob sich bereits der damalige Präsident Felix Zimmermann und begrüßte das neue Elferrratsmitglied. Thormeyers erster öffentlicher Auftritt ein Jahr später begann gleich mit einem deftigen Fauxpas, als er sich auf der Suche nach Mantel und Mütze versehentlich die Karnevalsinsignien des "Heuschreck"-Präsidenten schnappte. Bis er diese zu Recht tragen durfte, vergingen noch 14 Jahre. Als Soldat wurde Gustl Thormeyer in dieser Zeit immer wieder versetzt, diente im In- und Ausland, war sogar vier Jahre lang als Geheimagent für den Bundesnachrichtendienst (Deckname "Hermann Thomsen") unterwegs. Nur an Fastnacht wurde aus Thomsen damals wieder Thormeyer, kehrte "Spezialagent Gustl" für ein paar Wochen wieder in seine neue Heimat Trier zurück. Dass er an der Mosel bleiben wollte, hatte der Norddeutsche damals schon entschieden. 1988 durfte Gustl Thormeyer die "Heuschreck"-Präsidentenmütze dann endlich ganz legal anziehen. Vorgänger Helmut Schröer hatte den Wahl-Trierer als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Bei der Wahl im September glänzte der neue Chef - der nächste närrische Fauxpas - dann auch gleich durch Abwesenheit. Thormeyer bekam in einer Klinik die Gallensteine entfernt. Seit diesem Zeitpunkt allerdings hat der Oberstleutnant a.D., der nebenbei auch noch ehrenamtlicher Geschäftsführer der Trier-Gesellschaft ist, das "Heuschreck"-Ruder fest im Griff. Viel Zeit für sein Hobby Tennis bleibt da nicht. "Karneval ist schon ein Vollzeit-Job", sagt er. "Das hört vor den Sommerferien auf und fängt danach wieder an." Will heißen: unzählige Versammlungen und Vorbereitungstreffen für die kommende Session, die beim "Heuschreck" 2007 "irgendetwas mit Kaiser Konstantin" zu tun haben wird, so viel wird schon verraten. Anlässe wie am kommenden Samstag, wenn der Präsident 70 wird und der "Heuschreck" zu seinen Ehren einen Empfang ausrichtet, liegen Thormeyer nicht unbedingt. "So richtig angenehm ist mir das nicht", sagt er. "Ich muss nicht in der ersten Reihe stehen." Lieber würde er bei diesem Wetter wohl mit seinem weißen BMW-Cabriolet, das längst den Mercedes abgelöst hat, durch die Stadt "flanieren" und ab und an einen kleinen Boxenstopp einlegen. Um die Feierlichkeiten herum kommt der Ober-Heuschreck allerdings nicht, wenn sich im Klubhaus am Katharinenufer am Wochenende mal wieder die Wichtigen, Schönen und Reichen der Stadt die Klinke in die Hand geben.

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