Funkmast macht den Herlern Angst

Funkmast macht den Herlern Angst

Wie gefährlich sind die Strahlen? Ortsbürgermeister Jäckels rudert zurück: Pachtvertrag geschlossen, dann gekündigt.

Herl/Mertesdorf Nicht nur in Mertesdorf wehren sich Bürger gegen die Errichtung eines Funkmastes (der TV berichtete), auch in Herl regt sich Widerstand. Die Telekom möchte in dem Hochwaldort einen 54 Meter hohen Funkmast für Mobilkommunikation in der Nähe des Naturdenkmals "Herler Wacken", einem Felsenzug, aufstellen. Eine Bürgerinitiative (BI) aus Herl fordert einen Alternativstandort für den Mast - weiter weg vom Dorf, den Menschen und dem Denkmal. "Die Gesundheitsgefährdung durch elektromagnetische Strahlen ist in Herl am größten", sagt BI-Sprecher Thomas Jost. Dabei sei in der 300-Einwohner-Gemeinde der Handyempfang gut. Von einem Funkmast, so Jost, würden in erster Linie die Nachbargemeinden profitieren. Das Grundstück, das sich die Telekom-Tochter "Deutsche Funkturm" bereits Mitte 2015 durch einen Pachtvertrag mit einer Erbengemeinschaft gesichert hat, liegt etwa 420 Meter von der Wohnbebauung entfernt. Zum Vergleich: In Mertesdorf liegt das nächste Haus 290 Meter weit weg.Jost kritisiert, dass der Pachtvertrag mit der Erbengemeinschaft - der auch Ortsbürgermeister Artur Jäckels angehört - erst im Februar 2016 öffentlich wurde. Da wurde der Gemeinderat wegen des Bauantrags für den geplanten Funkmast beteiligt. "Lange wurde keiner informiert, so dass auch die Widerspruchsfrist abgelaufen ist", sagt Jost. Die BI hat in Herl 132 Unterschriften gegen das Projekt gesammelt, das sind mehr als 80 Prozent der Wahlberechtigten. Auch Ortsbürgermeister Jäckels rudert mittlerweile zurück, spricht sich für eine Kündigung des Pachtvertrags aus. Doch die Telekom beharrt auf dem Standort. Das bestätigt Jäckels. Von einer Widerspruchsfrist habe er nichts gewusst, sagt er auf TV-Anfrage.Laut Jäckels gibt es am Dienstag nächster Woche ein Gespräch bei der Kreisverwaltung. Es gehe darum, "aus dem Vertrag rauszukommen". Der Kreis als Baubehörde hat noch nicht über den Bauantrag befunden, der Herler Rat hat im Juli 2016 sein Einvernehmen dazu nicht erteilt. Zuletzt befasste sich das Gremium am 26. Januar mit dem Thema Funkmast. Jäckels erklärte sich für befangen, gab den Vorsitz an den Beigeordneten Dieter Klemens ab. Laut Protokoll forderte Ratsmitglied Massmann den Ortsbürgermeister zum Rücktritt auf. Peter Nießen, Leiter des Instituts für Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt (EMVU) in Köln, äußerte in dieser Sitzung seine grobe Einschätzung für Herl aufgrund des Standorts und der Lage der Nachbardörfer. Danach liegt die zu erwartende elektromagnetische Belastung unter dem strengen Schweizer Grenzwert (siehe Info). Für Bürgermeister Bernhard Busch ist der Mast "unausweichlich". Ziel sei es, gemeinsam mit der Bürgerinitiative einen akzeptablen Standort zu finden. Busch erhofft sich von dem Funkmast eine Verbesserung des Tetra-Funks, dem Netz für Rettungsdienste. Im Bereich Lorscheid, Farschweiler und Herl würden Einsätze durch das digitale Funkloch erschwert. Das sei jüngst auch während einer Feuerwehrübung bei der Schreinerei Annen in Farschweiler offenkundig geworden. Busch: "Das ist ein Misstand, den wir nicht länger akzeptieren können." Das habe man auch dem Land mitgeteilt, das für den Tetra-Funk zuständig sei. Das Argument der BI, dass der Funkmast eine mögliche Baulanderweiterung in Herl blockiere, sieht der Bürgermeister mittelfristig nicht. Die nächsten 15 Jahre spiele das keine Rolle. Im Flächennutzungsplan der Verbandsgemeinde Ruwer sei der Bereich nicht als potenzielles Neubaugebiet ausgewiesen. Laut Busch könnte der Funkmast etwa 50 Meter weiter vom Dorf entfernt im Wald errichtet werden. Der Wald dämme die elektromagnetische Strahlung sehr gut. Allerdings müsse der Mast dann höher werden, was auch die Kosten nach oben treibe. KommentarMeinung

Das Projekt, das lange unter der Decke bliebTransparenzgesetz hin, Bürgernähe her: In der realen Politikwelt ist der Gedanke, dass andere nicht alles wissen müssen, offenbar immer noch stark verbreitet. In Herl wird ein so zündstoffbeladenes Thema wie die Errichtung eines 54 Meter hohen Funkmasts über viele Monate hinweg wie eine Privatangelegenheit behandelt. Dabei liegt es doch auf der Hand, dass dieses Projekt Ängste bei der Bevölkerung schürt. Und der Ortsbürgermeister setzt mit seiner dubiosen Doppelrolle der ganzen Geschichte die Krone auf. Kein Wunder, dass die Wellen bei den Bürgern hochschlagen und Schlagworte wie Mauschelei und Vorteilnahme im Amt die Runde machen. Schon beim ersten Anruf der Telekom hätten in Herl die Alarmlichter angehen müssen. Nicht einmal, weil die Funkmasten eine so große Gesundheitsgefahr bedeuten (das müssen Experten beurteilen), aber weil das Thema so sensibel ist. Das hätte man von Vorfällen in Waldrach und Mertesdorf wissen können. a.follmann@volksfreund.de EXPERTE: BELASTUNG IN HERL UNTER GRENZWERT

Extra

Peter Nießen, Diplom-Physiker und gefragter Sachverständiger, geht davon aus, dass bei dem geplanten Funkmast in Herl die elektromagnetische Strahlung weit unter dem Grenzwert bleibt. Selbst die strengen Grenzwerte der Schweiz und Belgiens würden weit unterschritten. Nießens Analyse beruht nur auf Kartenmaterial und ohne Kenntnis dessen, was die Telekom als Betreiberin des Mastes dort beabsichtigt. Nießen betonte, dass durch die Ausrichtung der Antennen und ihr Neigungsmaß Richtung Boden unterschiedliche Belastungen für die Umgebung erzielt werden. Maßgeblich sei auch die Sendeleistung. Die Belastung durch das Rettungsdienstnetz Tetra-Funk ist laut Nießen viel geringer als beim Mobilfunk.

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