Ganz normales Leben gesucht

Ein Job, eine Wohnung in Trier, selbstständig sein: Davon träumt die Konzerin Carmen Müller. Sie leidet an Autismus. "Mit ein bisschen Verständnis und Unterstützung könnte ich ein normales Leben führen", sagt die 21-Jährige. Stattdessen habe ihr das Jobcenter geraten, potenziellen Arbeitgebern ihre Beeinträchtigung zu verschweigen.

Konz/Trier. Wenn Carmen Müller den Hof fegt, dann kann das dauern. Nochmal und nochmal und nochmal fährt die 21-Jährige mit dem Besen durch die Ecken. "Da darf kein Krümel liegen bleiben", sagt die schmale Frau mit den dunklen Haaren.
Dinge gründlich erledigen zu müssen, ist typisch für viele Menschen mit einer Autismusstörung. "Auch wenn ich Fenster putze, habe ich den Drang, dass keine Schliere mehr zu sehen sein darf", erzählt Carmen von den Symptomen des Asperger-Syndroms, das bei ihr vor fünf Jahren diagnostiziert wurde. Oft hat sie den Zwang, alles perfekt machen zu müssen, im Griff. "Aber manchmal, besonders wenn ich unter Druck gerate, beherrscht der Zwang mich."
Bloß keinen Fehler machen


Auf den ersten Blick merkt man der jungen Frau die angeborene Entwicklungsstörung nicht an. Weiß man, dass sie an Autismus leidet, kommt einem ihre Sprache vielleicht etwas zu kontrolliert vor, so sorgfältig wählt sie Wörter, Grammatik und Aussprache. Bloß keine Fehler machen, alles kontrollieren - das gilt offenbar auch für das Gespräch mit dem TV.
In nordischen Ländern wie Schweden und den ersten großen Städten Deutschlands, Berlin etwa, haben sich Jobagenturen auf die Vermittlung von Autisten spezialisiert. Aufgaben, bei denen es auf besondere Sorgfalt ankommt, bei denen sich jemand auf eine Arbeit konzentrieren muss, deren Gleichförmigkeit die Aufmerksamkeit anderer Menschen schnell erlahmen lässt - zum Beispiel beim Überprüfen von Adresslisten oder Zahlenreihen - können Autisten oft besonders zuverlässig erledigen. In Trier war Carmen bei der Jobsuche bislang erfolglos.
Ihre Ausbildung zur Hauswirtschafterin hat sie im Haus auf dem Wehrborn absolviert. In dem Heim in der Nähe von Aach lebte sie, weil Pflegefamilie und Lehrer nicht mit dem auffälligen Kind zurechtgekommen waren. "Alle dachten, ich hätte ADS - und entsprechend musste ich Medikamente nehmen, die nicht die richtigen waren", erzählt Carmen.
Die Schulzeit sei schlimm gewesen, Mitschüler und Lehrer hätten nicht gewusst, wie sie mit ihr umgehen sollten. "Da hatte ich dann auch schon mal Wutanfälle." Dank der Therapie im Autismus-Therapiezentrum (ATZ) Trier hat Carmen ihre Impulse mittlerweile unter Kontrolle. "Sie ist ein sehr selbstreflektierter Mensch und arbeitet hart an sich, um ein normales Leben führen zu können", sagt ihre Therapeutin Jennifer Heidelbeer.
Carmens Autismusstörung haben die Ämter als 50-prozentige Behinderung anerkannt. Wer sie einstellt, erhält vom Jobcenter einen Zuschuss zum Gehalt.
Allerdings: Nicht nur bei Arbeitgebern fehlt es an Kenntnis im Umgang mit Autisten, auch das Jobcenter tut sich schwer. "Zuletzt hat mir meine Beraterin empfohlen, einfach zu verschweigen, dass ich das Asperger-Syndrom habe", erzählt Carmen.
Aus Angst, dass das Amt ihr sonst die Unterstützung kürzen könnte, hat sie beim jüngsten Vorstellungsgespräch in einem Trierer Warenhaus ihren Autismus tatsächlich nicht erwähnt. "Das hat mich sehr belastet und unter Druck gesetzt. Schließlich möchte ich zu meiner Krankheit stehen, und auch der Arbeitgeber muss wissen, dass ich nicht so einsetzbar und belastbar bin wie gesunde Kollegen. In irgendeiner Situation würde die Lüge ohnehin auffliegen - und dann käme sich der Chef zurecht betrogen vor."
Unkenntnis und Hilflosigkeit


Margret Heinrich unterstützt Carmen als gesetzliche Betreuerin in allen behördlichen und finanziellen Belangen. Auch bei Gesprächen im Jobcenter war sie schon dabei. "Die Mitarbeiter wissen nicht, wie sie mit Carmen und ihrer Beeinträchtigung umgehen sollen. Diese Unkenntnis macht sie hilflos - was dann zu solchen Ratschlägen führen kann, den Autismus zu verschweigen", sagt die studierte Psychologin in Rente.
Mit etwas Verständnis für die Krankheitssymptome und Behutsamkeit im Umgang, könne Carmen bestimmte Jobs gut erledigen, ist sich Margret Heinrich sicher.
"Ja, ich brauche für manche Dinge mehr Zeit als andere, aber wenn ich einmal Arbeitsabläufe kenne, kann ich diese gut umsetzen", sagt Carmen.
Darauf achten, dass die Regale in einer Drogerie immer perfekt eingeräumt sind, in einem kleinen Hotelbetrieb, in dem es nicht viel Stress gibt, mitzuarbeiten oder beim Verkauf in einem Warenhaus helfen: "Eine feste Arbeitsstelle ist mein Traum", sagt Carmen, "ich will mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen, selbstständig sein - ein ganz normales Leben führen halt."
Weg bahnen für andere


Dazu gehört für Carmen auch, eine Wohnung in Trier zu finden. "In Konz habe ich wenig Kontakte, in Trier mehrere Freunde. Aber wenn die Vermieter hören, dass ich arbeitslos bin, winken sie sofort ab." Mittlerweile hat ihr Freund als gelernter Koch eine feste Stelle in Trier gefunden. Nun suchen beide zusammen nach einer Wohnung für sich und den kleinen Kater, den Carmen sich angeschafft hat, um eine Aufgabe zu haben und nicht so alleine zu sein.
An die Öffentlichkeit gehe sie nicht, um Job und Wohnung zu finden, betont sie. "Mir geht es darum, einen Weg zu bahnen für andere Autisten, denen es schwerer fällt, mit ihrer Störung offen umzugehen. Mit etwas Feingefühl und Rücksicht auf unsere Krankheit, für die wir nichts können, wäre uns ein ganz normales Leben in der Gesellschaft möglich - und dafür kämpfe ich!"Extra

Rüdiger Schneider, Geschäftsführer des Jobcenters Trier-Saarburg, sagt zu Carmen Müllers Fall: "Die Arbeitsvermittler in den Jobcentern werden mit unterschiedlichsten Problemstellungen konfrontiert. Es ist schlichtweg unmöglich, alle Krankheitsbilder und deren Auswirkungen auf die Arbeits- und Berufswelt zu beherrschen. Die Jobcenter sind allerdings bemüht, sehr individuell zu arbeiten." Carmen Müllers Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Konz erklärt, im Umgang mit autistischen Menschen nicht geschult zu sein. Im Beratungsgespräch habe sie Carmen Müller lediglich darauf hingewiesen, "dass auf Arbeitgeberseite eine ablehnende Haltung entstehen kann, wenn sie im Vorstellungsgespräch über ihre Krankheit berichtet". wocExtra

Das Autismus-Therapiezentrum Trier betreut an seinen drei Standorten (Trier-Feyen/Weismark, Trier-Ehrang und Daun) rund 350 Kinder und Erwachsene. Insgesamt leiden sechs bis sieben Menschen von Tausend an Autismus, einer tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Betroffene verarbeiten aufgrund einer unheilbaren Funktionsstörung im Gehirn Sinneseindrücke anders als andere. Probleme bei der Kommunikation und beim Verhalten sind die Folge. Das Spektrum ist breit und reicht von einer stark eingeschränkten Sprachentwicklung und der Unfähigkeit, zu anderen Menschen Kontakt aufzunehmen, bis zu schwachen Formen des Asperger-Syndroms, mit dem Betroffene ein selbstständiges Leben führen können und der Autismus von Außenstehenden häufig unbemerkt bleibt. Kontakt: ATZ Trier, Schulstraße 5, Trier, 0651/603441-41, info@autismus-trier.de ; <%LINK auto="true" href="http://www.autismus-trier.de" class="more" text="www.autismus-trier.de"%> woc