Gastbeitrag: "Nunmehr ein deutsches Geschäft"

Gastbeitrag: "Nunmehr ein deutsches Geschäft"

Die Trierer Historikerin Jutta Albrecht hat sich mit der Arisierung jüdischer Geschäfte in Trier beschäftigt. In zwei gut besuchten Vorträgen im Stadtmuseum Simeonstift hat sie ihre Erkenntnisse mit vielen an der Zeitgeschichte interessierten Trierern geteilt. In diesem Gastbeitrag für den Trierischen Volksfreund hat sie die Erkenntnisse darüber zusammengetragen, wie Unternehmer in Trier von der Ausgrenzung und Enteignung jüdischer Geschäftsleute profitierten. Auch der damalige IHK-Präsident spielte dabei eine unrühmliche Rolle.

Im Jahr 1936 "arisierte" - wie man es damals nannte - Helmut Horten das "Warenhaus Gebrüder Alsberg", dessen jüdischer Besitzer zur Emigration gezwungen wurde. 1938 entstand durch die "Arisierung" des Unternehmens von Karl Amson Joel, Großvater von Billy Joel, der sich in Nürnberg und Berlin ein florierendes Textilherstellungs- und -Versandunternehmen aufgebaut hatte, die "Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann". Unzählige solcher "Arisierungen" hat es auch in Trier gegeben. Hier profitierten Unternehmer und Privatleute in den Dreißigerjahren von den politischen Entwicklungen im Deutschen Reich. Sie hatten ihre Geschäfts-"Gründung", wie es die wahren Tatsachen verschleiernd, genannt wurde, vielfach der Ausgrenzung, Verfolgung, wirtschaftlichen Vernichtung und letztendlich Ermordung der Juden zu verdanken.Geschäftsleute in der NSDAP

Im November 1925 wurde die Ortsgruppe Trier der NSDAP gegründet. Waren es im Mai 1930 nur 150 Mitglieder, so bekannten sich 1932 schon 800 Mitglieder zu den Zielen der Partei. Wie sah die Sozialstruktur der Wähler und Wählerinnen aus? Bei den NSDAP-Versammlungen seit 1930 seien "immer häufiger Angehörige des Mittelstandes und der sogenannten besseren Stände" gesehen worden, so Regierungspräsident Dr. Conrad Saassen. Größeres Interesse sei auch "gerade (bei) kleineren und mittleren Geschäftsleuten" vorhanden gewesen, 1931 gehörten "etwa 35 Prozent (der NSDAP-Mitglieder) dem Mittelstande (Kaufleute) an." Die Trierer Einzelhändler hatten bereits um 1900 einen "Bund für Handel und Gewerbe" gegründet, in dem sich die kleinen und mittleren Ladenbesitzer gegen den vermeintlichen "wachsenden Druck der Warenhäuser" - die meist jüdisch geführt waren - unter dem Motto "Unser größter Feind ist das Warenhaus" zusammenschlossen. An diese Tradition konnte die "Nationalsozialistische Handwerks-, Handels- und Gewerbeorganisation" (NS-Hago) 1933 anknüpfen.
Die Lebensgeschichte der ehemaligen jüdischen Familien, die den Holocaust erlebten, beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts: 1815 hatte Trier 232 jüdische Mitbürger. Nach Judenpogromen in Russland, die zu einer Zuwanderung führten, stieg die Zahl stetig an. Bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten lebten in Trier 796 Juden, das waren 1,04 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Mehrheit von ihnen waren Kaufleute des Mittelstandes, Fabrikanten, Großhändler und Handwerker. Sie waren aktiv in den Trierer Vereinen tätig, die sie auch "bis zu der Zeit, in der ihre Mitarbeit von staatlicher Seite nicht mehr erwünscht war, durch beachtliche Spenden unterstützten." Zu dieser Gruppe von verdienstvollen Trierern gehörten die jüdischen Bürger Moses Isay, Sigmund Gumprich und Louis Scheuer, die sich in der Karnevalsgesellschaft "Heuschreck" einbrachten, sowie der jüdische Weinhändler Sigmund Loeb, Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde und, gemeinsam mit Wilhelm Rautenstrauch, Mitglied der Stadtverordnetenversammlung für die "betont republikanische" DDP (Deutsch-Demokratische Partei). Die Vollversammlung der IHK, der Loeb seit 1921 angehörte, legte ihm und den anderen jüdischen Mitgliedern schon am 10. April 1933, noch vor der erzwungenen Auflösung der Kammer am 16. Mai 1933, nahe, diese zu verlassen. Präsident der IHK war damals - einem Wunsch des Gauleiters Gustav Simon entsprechend - Franz Duhr, Kaufmann und Fabrikant, der Inhaber der Firma Duhr-Conrad-Fehres, deren Firmenlogo heute noch am Stockplatz (Safarihaus) sichtbar ist. Noch 1955 (!) konnte man in der Festschrift anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der IHK folgende Sätze lesen: "Die nichtarischen Kammermitglieder legten in Voraussicht der kommenden Dinge ihre Ämter nieder."
In Trier wurden am 8. und 10. März 1933 einzelne jüdische Warenhäuser boykottiert: "Auch in Trier kam es am Freitag Nachmittag zu vorübergehender Schließung mehrerer Kaufhäuser", lesen wir in der Wochenendausgabe des TV, die katholische "Trierische Landeszeitung" und das "Nationalblatt" berichteten nicht darüber. Am 1. April 1933, im Rahmen des reichsweiten Generalboykotts, wurden dann sogar zwei große jüdische Kaufhäuser durch Nazi-Schergen besetzt: Das "Kaufhaus Haas" an der Ecke Fahrstraße (heutiges "Sinn & Leffers") und das "Einheitspreisgeschäft ERWEGE" in der Fleischstraße 62 (das 1935 von Adolf Hägin "arisiert" wurde).In "Schutzhaft" genommen

Bereits einen Abend vorher, am 31. März, waren führende jüdische Persönlichkeiten in sogenannte "Schutzhaft" genommen worden. Darunter der jüdische Rechtsanwalt Dr. Voremberg sowie Max und Albert Haas, die neben dem eigenen Kaufhaus in der Fahrstraße 1926 auch die ehemalige jüdische Firma "S. Löwenstein & Co." in der Brotstraße 38/39 übernommen hatten. Die Bedeutung der Firma Haas, die 1869 gegründet wurde, zeigt sich unter anderem darin, dass die Reichsregierung ihr in den Notjahren nach dem Ersten Weltkrieg erlaubte, Notgeld herstellen zu lassen. 1929 arbeiteten über 400 Angestellte im größten Warenhaus des Regierungsbezirks Trier. "Nachdem in der vergangenen Woche das nichtarische Kaufhaus Brotstraße 38=39 in deutschen Besitz, in die Hände der Kaufleute Moritz und Senger übergegangen ist, (fand dort der ) erste Betriebsappell (statt)", hieß es zum Vorgang der "Arisierung" einer der beiden Haas-Firmen am 2. Dezember 1935 im TV.
Mitte Januar erfolgte die "Entjudung" - wie der Vorgang der "Arisierung" auch hieß - des Firmenbesitzes in der Fahrstraße: "Unter neuem Namen - unter neuer Leitung" wurde der Übergang des 67-jährigen jüdischen Traditions- und Erfolgsunternehmens in "arische Hände" von der "Insel Textilhaus GmbH" in einer Anzeige vom 16. Januar 1936 angekündigt. Von einer "Befreiung aus schwerer Zeit" ist die Rede, neue Männer sollten das Geschäftsruder übernehmen: Betriebsführer Dr. Kempgen, Geschäftführer Dorn sowie unter anderem Franz Duhr. Der Präsident der IHK entschied maßgeblich mit, welche jüdischen Betriebe liquidiert oder "arisiert" wurden, Anfragen interessierter Bürger liefen über seinen Schreibtisch. Das Säuberungsurteil der Spruchkammer Koblenz vom 19. Juli 1970 befand Franz Duhr nicht schuldig.Werbung "neuer Firmen"

Nachdem die NSDAP im April 1935 ein "Verzeichnis jüdischer Geschäfte" angefertigt hatte, das im Rathaus öffentlich aushing, und die Ausgrenzung und Demütigung der Juden mit den "Nürnberger Gesetzen" vom September 1935 eine weitere Stufe der Eskalation erreicht hatte, stieg die Zahl der Firmenverkäufe eklatant an. In Trier warben viele "neue" Firmen, dass es sich nun um "deutsche Geschäfte" handeln würde: Schuhhaus Hans Klodt, vormals jüdisches Geschäft Spier in der Brotstraße 44; die "Geschwister Schiefelbusch" übernahmen das Handarbeitsgeschäft A. Schapira (Ella und Max Goldstein) in der Grabenstraße 16; das jüdische Damenkonfektionsgeschäft Simon Reilinger in der Brotstraße 8/9 übernahmen die "Geschwister Kanz"; aus dem Wollgeschäft Ernst Ermann in der Fleischstraße 2 bis 4 wurde "Geschwister Nees".
Am 8. Mai gedenken wir der 70-jährigen Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus, in vielen Gedenkfeiern haben wir der Befreiung der Inhaftierten der Konzentrationslager gedacht. Nach Trier kamen nach 1945 nur wenige jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen zurück. Ein jüdisches Geschäft gibt es hier nicht mehr. Leider auch keine jüdische Dokumentationsstätte, an der die "Geschichte der Juden in Trier" vom Mittelalter bis heute gewürdigt werden könnte. Dies sollte sich baldmöglichst ändern.
Jutta Albrecht

Extra Zur Person

Jutta Albrecht, Jahrgang 1961, stammt aus Dockweiler in der Eifel. Ihr Abitur machte sie 1980 am Geschwister-Scholl-Gymnasium Daun. Sie hat anschließend an der Universität Trier Geschichte, Romanistik, Politik- und Rechtswissenschaften studiert. Seit 1989 ist sie verheiratet, hat drei Kinder (heute 16, 22 und 24 Jahre alt). 2002 hat sie das Studium an der Uni Trier wieder aufgenommen und 2011 das Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien abgelegt. Als Lehrerin war sie zuletzt an den Bischöflichen Willi-Graf-Schulen (Gymnasium und Realschule) in Saarbrücken beschäftigt. Seit April 2014 hat sie bei Professor Lutz Raphael ihre Promotion wieder aufgenommen zum Thema "Arisierung jüdischer Gewerbebetriebe in Trier". Die Abfassung der Chronik anlässlich des 150. Jubiläums der Trierer Karnevalsgesellschaft Heuschreck 1998 brachte Jutta Albrecht zum ersten Mal mit der Thematik der Arisierung in Berührung: Das Schicksal des Trierer Juden Louis Scheuer, der Heuschreck-Mitglied war, animierte sie zu weiteren Forschungen. Sie freut sich über Hinweise zum Thema Arisierung. Kontakt: jutta@albrecht-trier.de oder 0651/9930440. red

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