Geborgen im Schammat-Alltag

Er ist Oberbürgermeister von Trier, Vater dreier Kinder und nach dem Tod seiner ersten Frau mit der rheinland-pfälzischen Sozialministerin Malu Dreyer verheiratet: Klaus Jensen. Weshalb das Schammatdorfzentrum ihm sehr viel bedeutet und er sowohl beruflich als auch privat möglichst jeden Gast in die Basilika führt, davon erzählt der 59-Jährige in unserer Serie.

Trier. (kat) "Alles wirkliche Leben ist Begegnung". Dieses Zitat des Religionsphilosophen Martin Buber ist mein Lebensmotto. Wohl weil mir Begegnung auch im Alltag sehr wichtig ist, lebe ich seit 26 Jahren im Schammatdorf in Trier-Süd. Die Atmosphäre unter den rund 300 Bewohnern ist herzlich und vertraut, die positiven Aspekte dörflichen Lebens sind integriert. Manchmal reicht ein Augenzwinkern, wenn man sich trifft, manchmal führt man intensive Gespräche. Jeder bestimmt das Maß, wie er sich einbringen möchte, selbst.

Kohlrouladen für 90 Nachbarn



Neben unserer Wohnung ist das Schammatdorfzentrum mein Lieblingsplatz: Im Kneipchen kann man klönen, und den Kiosk führen Nachbarinnen und Nachbarn selbst. Hier werden Taufen, Grillfeste und Hochzeiten gefeiert, Beerdigungskaffees arrangiert und Maibäume aufgestellt. Und einmal im Monat kochen sonntags Nachbarn für Nachbarn. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als unsere Vierergruppe Kohlrouladen für 90 Personen zubereitet hat. Wir haben gewickelt und gewickelt.

Eine Besonderheit ist die rote Telefonzelle vor dem Zentrum. Wer Bücher ausrangiert, stellt sie dort ins Regal. Wer sich dafür interessiert, nimmt sie mit. Ich bin auch schon fündig geworden. Zuletzt habe ich mir Reisebücher über Schottland und Afrika "ausgeliehen". Das Wichtigste: Im Schammatdorf fühle ich mich bestens aufgehoben. Auch während einer sehr schweren Lebensphase, als meine erste Frau 2001 starb und ich mit den drei Kindern alleine dastand, habe ich mich von der Gemeinschaft total getragen gefühlt.

In dem Dorf, das Ende der 70er Jahre ellipsenförmig und barrierefrei gebaut wurde, spiegelt sich die Gesellschaft wider: Familien und Alleinerziehende, Menschen mit und ohne Behinderung, Jung und Alt, Menschen mit geringem oder höherem Einkommen. Das Schöne: Meine Frau und ich sind hier Klaus und Malu und nicht der Oberbürgermeister und die Ministerin. Mir ist es wichtig, im Alltag geborgen zu sein, das gibt Kraft. Ich könnte mir keine andere Lebensform mehr vorstellen!

Auch zu den Mönchen in der angrenzenden Abtei Sankt Matthias haben wir ein enges Verhältnis. Als gebürtiger Duisburger sage ich heute: Trier ist meine Heimat. Nachdem ich Stahl verkauft und dann Sozialwesen mit Schwerpunkt Sozialplanung in Düsseldorf studiert hatte, habe ich mich erfolgreich auf die Stelle eines Sozialplaners beworben.

Lieblingswort auf Trierisch: Krompernschniedcher



Seitdem lebe ich an der Mosel und seitdem fasziniert mich diese Stadt mit ihrer 2000 Jahre alten Geschichte. Sie ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Porta ist das eine, aber es gibt auch den Petrisberg. Diese Vielfalt und das Engagement der Menschen hier lässt mich als Oberbürgermeister stolz auf die Stadt sein.

Die Trierer sind bodenständige Menschen im positiven Sinne. "Krompernschniedcher" ist übrigens mein Lieblingswort auf Trierisch. Gerne halte ich mich mit meiner Frau auch auf den schönen Plätzen auf, trinke einen Cappuccino oder esse ein Eis.

Ob Staatsgäste oder Schulfreunde aus dem Ruhrpott, ich versuche ihnen immer die Basilika zu zeigen. Trier ist zwar voll mit schönen Dingen, aber das Raumerlebnis in dem säulenlosen Kircheninneren begeistert mich stets aufs Neue. So wie das wunderbare Miteinander in unserem Dorf mitten in der Stadt.

Aufgezeichnet von Katja Bernardy