Gefährliche Ignoranz

TRIER. Das HI-Virus (HIV) als Ursache für die tödliche Aids-Krankheit ist mit Hilfe von Medikamenten mittlerweile behandelbar. Trierer Experten betrachten jedoch die Aufklärungsarbeit angesichts wachsender Risikobereitschaft als nötiger denn je.

Wer am HI-Virus erkrankt, hat im Vergleich zur Situation im Jahr 1987 eine reale Überlebenschance: Medikamente machen es möglich. "Wir hatten hier in Trier das Angebot, Patienten eine Art ,betreutes Wohnen' anzubieten", sagt etwa Jan Buttmann von der Trierer Aids-Hilfe. Heut' zu Tage könnten die Betroffenen ihr bisheriges Leben trotz Virus weitgehend ohne Veränderungen fortführen. Das verleitet offenbar zur Sorglosigkeit. Auch wenn in Trier selbst "nur" drei bis vier Erkrankungen jährlich verzeichnet werden: "Bei mir besteht durch viele Beratungsgespräche der Eindruck, dass in der letzten Zeit die Bereitschaft zu erhöhtem Risikoverhal- ten wieder stark zugenommen hat", sagt Barbara Detering-Hübner vom Trierer Gesundheitsamt. Die Behörde bietet einen kostenlosen und anonymen HIV-Test an."Wir müssen wieder von vorn anfangen"

Ute Kleiber-Schon von ProFamilia ergänzt: "Ich höre von Jugendlichen immer wieder, es sei alles gar nicht so schlimm, es gebe doch die Medikamente." Dabei gibt es in Trier und Umgebung schätzungsweise 300 bis 400 HIV-Infizierte und Aids-Kranke. Deutschlandweit sind es 43 000 Patienten. Etwa 700 Menschen haben sich im vergangenen Jahr neu infiziert. An die 90 Prozent aller neu Infizierten steckten sich beim ungeschützten Geschlechtsverkehr an. "Ich habe den Eindruck, als ob man mit der Vorsorge und Beratung wieder von vorn anfangen müsste", sagt Detering-Hübner. Deshalb wollen Aufklärungs-Initiativen vor allem Jugendliche ansprechen: "Die Aids-Kampagne läuft im Rahmen der Sexualerziehung an den Schulen", sagt Kleiber-Schon. Der Regionale Aids-Beirat hat einen Mitmach-Parcours organisiert. Die Piktograme der Stationen zeigen auf, wo man sich anstecken kann - und wo nicht. Erstaunlich: "Vielen ist unbekannt, dass man sich beim Händeschütteln eigentlich nicht anstecken kann", so die Erfahrung der Trierer Experten. Wer sich tatsächlich mit HIV infiziert, ist geschockt. Die Krankheit ist noch immer nicht heilbar. Helfen können das Gesundheitsamt und die Aids-Hilfe. Unterstützung beim Behördengang oder der Arztwahl leisten auch ProFamilia, Caritas oder das Brüderkrankenhaus. Ein Fünftel aller Erkrankten sind Frauen. Dass jeder zweite Betroffene sich nicht bei gleichgeschlechtlicher Liebe ansteckt, scheint ebenfalls unbekannt zu sein. Buttmann: "Beim letztjährigen Welt-Aids-Tag begründeten uns Passanten die Ablehnung einer Spende mit den Worten ,Ich bin doch nicht schwul'". Rund um den 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, gibt es einen Infostand am Hauptmarkt und einen Gottesdienst im Dom. Der Mitmach-Parcours im Gesundheitsamt am 6. und 8. Dezember wendet sich an Schulklassen. Für Fragen stehen Gesundheitsamt und Aids-Hilfe zur Verfügung: Telefon 0651/715567 und 9704411.