"Gelungene Open-Air-Konzerte sind Gänsehaut pur"

"Gelungene Open-Air-Konzerte sind Gänsehaut pur"

In Innenhöfen, im Wingert, am Moselufer. Seit den Anfängen des Mosel Musikfestivals, also seit 30 Jahren, gehören Freiluft-Konzerte zum Programm.

Trier. Vor allem in den ersten Jahren brauchte man dazu Mut, sagt Festivalchef Hermann Lewen. Der heute 62-Jährige traute sich als erster in Deutschland, Klassik unter freiem Himmel erklingen zu lassen. Mit Lewen sprach unsere Mitarbeiterin Ariane Arndt-Jakobs. Was war das erste klassische Open-Air-Konzert, das Sie veranstaltet haben?Hermann Lewen: Das war im Juni 1985 im Innenhof von Kloster Machern. Ein bulgarisches Orchester, das Kammerorchester Jambol, spielte Händels Wasser- und Feuerwerksmusik. Es war das allererste Klassik-Konzert unter freiem Himmel in Deutschland. Der eigentliche Hype der Klassik-Open-Air-Konzerte begann mit den "Drei Tenören" nach der Fussball-WM in Italien 1990. Wir hatten schon früher den Mut, mit Klassik nach draußen zu gehen. Seitdem machen wir Konzerte unter freiem Himmel - und meistens mit einem abschließenden musikalischen Feuerwerk. Warum braucht man für Klassik draußen Mut?Lewen: Die Klassik war bis dato in den hehren Hallen der Theater- und Konzerthäuser beheimatet. Kaum ein deutsches Orchester war bereit, sich bei 17 Grad mit seinem Instrumentarium in einen Hof zu setzen und zu spielen. Da lag dann das Thermometer statt des Notenblatts auf dem Ständer und der Orchestervorstand sagte zu mir: "Unter 17 Grad spielen wir nicht." Deswegen haben wir damals Konzerte mit Orchestern von "hinter dem Eisernen Vorhang" gemacht, die froh waren, im Westen spielen zu dürfen. In den 1990er Jahren kam dann der Boom: Die Klassik entdeckte den Sommer, Festivals und damit Klassik-Open-Airs schossen wie Pilze aus dem Boden. Was macht einen Ort zu einer guten Open-Air-Stätte?Lewen: Neben einer stimmigen Kulisse ist die Akustik wichtig, im Optimalfall sollte man nicht verstärken müssen. Das Thema war in der Klassik lange Tabu, heute sind selbst renommierte Ensembles dazu bereit. Auch, weil die Elektronik sensibler geworden ist. Heute kann man jedes einzelne Instrument mit einem Mikro ausstatten. Das ist technisch aufwendig, aber dadurch klingt es nicht wie ein Konzert aus der Konserve. Wir legen aber großen Wert darauf, dass unsere klassischen Konzerte möglichst unplugged, also unverstärkt, gespielt werden. Da kommt es auch auf die Instrumentierung an: Stücke wie die Wassermusik sind mit vielen Bläsern besetzt. Das klingt stärker als der Geigensatz in Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Welche Rolle spielt Witterung für die Instrumente?Lewen: Die Kerntemperatur ist weiterhin Thema. Die Holzblasinstrumente eines barocken Ensembles sind beispielsweise sehr empfindlich, was Luftfeuchtigkeit angeht. Sie verstimmen sehr leicht und vor allem Holzbläser haben mit der hohen Luftfeuchtigkeit zu kämpfen. Dem Publikum ist es manchmal schwer zu vermitteln, warum man draußen nicht spielen kann, obwohl es nicht regnet. Wann entscheiden Sie, ob ein Konzert nach drinnen verlegt wird?Lewen: Wegen des Aufbaus und der Proben spätestens fünf Stunden vor Beginn. Das ist ein Grund, warum Open-Air-Konzerte der schwierigste Job meines Lebens sind. Da verliert man Nerven und Lebensjahre. Man entscheidet, drinnen zu spielen, um 18 Uhr reißt der Himmel auf und die Leute sind frustriert und enttäuscht. Dann betet man zwei Stunden lang, dass das Gewitter, das gerade noch über Luxemburg hängt, auch wirklich um 21 Uhr in Trier ist und macht einen Sekt auf, wenn es regnet. Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal in drei Fällen keine Regenalternative: Bei der SWR-Bigband in Bernkastel-Kues sowie bei den Terminen im Innenhof vom Kurfürstlichen Palais. Die ehemalige Abteilkirche St. Maximin in Trier steht uns in diesem Sommer wegen Sanierungsarbeiten nicht zur Verfügung. Also haben wir gesagt: Wenn wir eh keine Alternative haben, pokern wir hoch und machen es wie andere auch: Am Einlass gibt es Regencapes für die Besucher, die Musiker sitzen eh immer auf einer überdachten Bühne, und sofern nicht Leib und Leben in Gefahr ist, spielen wir draußen. Was bekommen Sie für den nervenaufreibenden Stress?Lewen: Open-Air-Konzerte, die gelingen, sind Gänsehaut pur. Nicht nur für die, die vor der Bühne sitzen, auch für die Musiker. Das Erleben von Architektur und Landschaft, dazu Vögel, die mitsingen, sobald die Musik beginnt, dazu ein guter Mosel im Glas - schöner geht es nicht. arn

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