Geschichtsverfälschung

Zum Leserbrief "Unverantwortlich" (TV vom 30. August):

Kaum hat die Trierer Jüdische Gemeinde den 50. Jahrestag der Grundsteinlegung der neuen Synagoge begangen (der TV berichtete), schon fühlt sich der Vorsitzende des Trierer Kreisverbandes der Ökologisch Demokratischen Partei (ÖDP), Christoph Rother, berufen, die TV-Leser über die wahren "Zerstörer" der alten Synagoge am Zuckerberg aufzuklären. Und wer hätte es gedacht? Es waren nach den Einlassungen des Herrn Rother doch tatsächlich die Amerikaner, die scheinbar vorsätzlich und ohne Grund im Dezember 1944 den Synagogenbau in Schutt und Asche legten. Als ich dies las, musste ich zwangsläufig an einen Besuch in Dresden zu Zeiten des damals noch real existierenden zweiten deutschen Staates denken. Dieser verstand sich - neben vielen anderen Errungenschaften - auch ganz hervorragend in der Geschichtsverfälschung. Zur damaligen Zeit war am Dresdner Zwinger eine Gedenkplakette angebracht, die davon sprach, dass das Gebäude durch "imperialistische britische und amerikanische Bomber" zerstört worden war und die große sozialistische Solidarität es wieder aufgebaut hätte. Mit gleichem antiamerikanischen Reflex bedient Herr Rother heute seine persönliche Empfindsamkeit, die auch ein Ergebnis einer schamlos daherkommenden, nationalen Hybris ist. Zur Klarstellung: Das jüdische Leben wurde in Trier durch die Schergen des Nationalsozialismus zerstört - und nicht nur geschändet, wie Herr Rother verharmlost. Dem Synagogengebäude als solchem ist mit der Vertreibung und Ermordung der in Trier lebenden Juden die Bestimmung als Gotteshaus entzogen worden, womit es bereits die größte Zerstörung erfuhr, die man sich vorstellen kann - nämlich die Zerstörung der Menschen, die es über Jahrzehnte zu Gottesdienst und Gebet aufgenommen hatte. Deshalb ist die Inschrift der Gedenkstele gerade richtig und bedarf keiner weiteren Ergänzung - weder durch Beschluss des Stadtrates, des Oberbürgermeisters und auch nicht durch dessen Nachfolger. Herr Rother sollte sich vor Augen halten, dass die Freiheit, die er heute für sich so selbstverständlich in Anspruch nehmen darf, auf dem entschiedenen Eintreten gerade auch der Vereinigten Staaten von Amerika gegen den damaligen deutschen Unrechtsstaat beruht. Mit einem derart verqueren Geschichtsbild und einem mutmaßlich fundamentalen Antiamerikanismus zeigt der Vorsitzende der Trierer ÖDP nicht nur die eigene Narrenkappe, sondern insbesondere auch die Unwählbarbeit seines politischen Kreisverbandes, der gut daran täte, die Einlassungen seines Vorsitzenden öffentlich zu erklären. Oliver Lauer, Trier

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