Gesundheitsamt fordert Lebensmittelproben

Gesundheitsamt fordert Lebensmittelproben

TRIER. "Zum ersten Mal haben wir einen offiziellen Beleg, dass es im Hafengebiet und Pfalzel unerlaubte Schadstoffbelastungen gibt", kommentiert Hans-Jürgen Wirtz vom Pfalzeler Bürgerverein die jüngst veröffentlichen Messergebnisse des Landesumweltamts (der TV berichtete). Das Gesundheitsamt fordert Boden- und Lebensmittelproben in Pfalzel.

Unter gesundheitlichen Aspekten bewerten Mediziner die Arbeitsbedingungen in den Firmen Trierer Stahlwerk (TSW) und Steil als kritisch. Die beiden Unternehmen gelten gemäß des Gutachtens des Landesumweltamts (LUWG) als mögliche Verursacher der Schadstoffbelastungen. Blei, Cadmium, Dioxine, Furane, PCB - das sind die Stoffe, denen Hafenbedienstete und Pfalzeler Anwohner laut LUWG ausgesetzt sind.Der erhöhte Bleiwert könne langfristig zu Veränderungen im Blutbild, Nierenschäden und zu Intelligenzdefiziten führen, erläutert der Leiter des Trierer Gesundheitsamts, Harald Michels, auf TV-Anfrage. Besonders Kinder seien betroffen, die im Vergleich zu Erwachsenen das Fünffache an Blei aufnähmen. "Wir waren bislang nicht eingeschaltet", sagt Michels. Er habe sich "wie jeder Bürger" im Internet über das Gutachten informiert. "In Absprache mit dem Ordnungsamt empfehle ich, Proben von Böden und Lebensmitteln aus den Gärten zu ziehen."

Ein Ruwerer Bürger hat bereits privat die Bleiwerte seines Salats im Garten "Auf dem Schälenberg" im Oktober 2005 durch ein Labor bestimmen lassen. Das Ergebnis, das der TV einsehen konnte: "Der Bleiwert ist doppelt so hoch wie der Richtwert für gewaschenes Blattgemüse." Das Gutachten des Landesumweltamtes hatte für Ruwer keine Belastungen ausgesagt.

"Jede Menge, auch schwerstkranke" Patienten aus den betroffenen Betrieben konsultieren derzeit den Trierer Nervenarzt Peter Binz. Die Belastungen beispielsweise durch das TSW würden herunter gespielt, meint Binz. Die Blutbleiwerte von Patienten seien nach der Wiederaufnahme des Betriebs um das Drei- bis Sechsfache des erlaubten Werts gestiegen. Mit Muskelnervenschäden, Schlafproblemen und Entzündungen litten die Betroffenen unter Berufskrankheiten, die von Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst lapidar in "psychogene Schäden" umformuliert würden, so Binz. "Die Spätfolgen sind alle dosisunabhängig", meint Binz.

Von "extremen Bedingungen, vor allem nachts" berichtet ein ehemaliger Arbeiter des TSW. "Wahllos abgekippter, unsortierter Schrott, dazu dichter, beißender Qualm, der einen nach Luft schnappen lässt." Betriebsprüfungen seien "immer angekündigt" worden. "Wir gehen aufgrund der Messergebnisse davon aus, dass die alte Genehmigung für das TSW aufgehoben wird. Eine neue müsste zeitgemäß angepasst werden", sagt Hans-Jürgen Wirtz vom Bürgerverein. Dieser ist vor allem über die Schlackemengen, die auf dem Gelände des TSW unter freiem Himmel zerkleinert und gelagert werden, besorgt. Private Analysen hätten schon vor Jahren eklatante Abweichungen zu den behördlichen Vorgaben ergeben. Die Umbau- und Erweiterungspläne des TSW sähen eine weitere Annäherung der Schlackeberge an Pfalzel vor.

Im Hafen arbeiten rund 3000 Beschäftigte, knapp genauso viele Bürger leben im Stadtteil Pfalzel. Volker Klassen, Prokurist der Trierer Hafengesellschaft, kann die Vorwürfe gegen Steil und das TSW nicht verstehen. "Eine Umweltbelastung gibt es. Aber wir stellen für 3000 Leute Arbeitsplätze zur Verfügung."