Glaube im Alltag

"Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?" (Goethe, Faust I) Über die vergangenen Jahre wurde die Frage nach dem Glauben zunehmend in den Privatbereich verdrängt. Jetzt, da uns die vielen Flüchtlinge mit den von ihnen gelebten, für uns zum großen Teil fremden Religionen begegnen, sehen wir uns mit der "Gretchen-Frage", wie wir es mit der eigenen Religion halten, auf ganz neue Weise persönlich und gesellschaftlich konfrontiert.

Derart, dass sie bei vielen Ängste und Unsicherheit auslöst, etwa um den Verlust der eigenen Identität, wie und ob es weiter gehen wird mit der eigenen christlichen Kultur. Aber die Flüchtlinge stellen uns nicht nur vor die Frage nach unserer Religion. Sie erfahren auch, dass viele Menschen eine Antwort auf diese Frage geben, indem sie sich gerade in der jetzigen Situation ganz bewusst aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für Menschen engagieren, unabhängig von deren Religion oder Herkunft, sogar unabhängig von einem möglichen Missbrauch ihrer Hilfe und unabhängig von der Tatsache, dass dieses Tun - wie schon zu Zeiten Jesu - auch heute nicht immer und überall gut ankommt. Es ist die gelebte Barmherzigkeit, die Flüchtlingen aber auch uns selber vor Augen führt, worin Wesen und Identität unseres christlichen Glaubens liegen - wer wir sind, wenn wir Christen sind. Eine überlebenswichtige Erfahrung für die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind, wie auch für uns als Gemeinschaft von Christen, die wir uns vornehmlich in gelebter Barmherzigkeit als Christen erfahren dürfen. Auf diesem Wege kann die Barmherzigkeit über ihre identitätsstiftende Wirkung hinaus zum zentralen Kriterium eines interreligiösen und interkulturellen Dialogs werden, einer "Ökumene der Barmherzigkeit"; zum wesentlichen gemeinsamen Nenner, der uns am Ende über die Religionsgrenzen hinaus ausmacht, verbindet und zusammenkommen lässt. Markus Leineweber, Diplom-Theologe und Hausoberer im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

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