Glaube im Alltag

Eine "anerkannte" syrische Flüchtlingsfamilie ist in den Wohnblock am Trierer Weidengraben eingezogen; sie sucht Anschluss an die Nachbarschaft und an Familien mit Kindern. Die Pfarrei hat das erfahren - also macht die Gemeindereferentin einen ersten Besuch.

Einen Begrüßungsbrief hat sie dabei. Immerhin sind da ein paar wichtige Telefonnummern drin. Buntstifte und Seifenblasen für die Kinder - ein paar kleine Geschenke. Sie erlebt: Gastfreundschaft; es gibt starken arabischen Kaffee. Als Gast sitzt sie auf dem einzigen Stuhl in der Wohnung, alle anderen auf dem Boden. Eine Freundin der Familie per Telefon und die Übersetzungs-App (ein Programm) auf einem Tablet-Computer übersetzen wenigstens ein paar arabische Sätze ins Deutsche und umgekehrt. Endlich kann die Besucherin fragen, ob sie oder die Gemeinde irgendwie helfen kann. Sicher! Was der jungen Frau wirklich Sorgen bereitet: "Wie oft wird die Treppe hier im Haus geputzt - und wann bin ich dran? Fragen Sie mal die Nachbarn, bitte!" Es berührt und beschämt: Was für ein Bild diese junge Frau von "den Deutschen" hat! Was die Ankömmlinge über "unsere" Bräuche und Normen erfahren: Mülltrennung! Das gemeinsame Treppenhaus wird geputzt! Und: Wer sich an die Regeln hält, kann ruhig und friedlich mit den Nachbarn leben. Menschen fliehen aus der Heimat, um ihre Kinder vor dem Krieg zu schützen. Und nach Tausenden abenteuerlichen Kilometern ist das die wichtigste Frage: Wann muss ich das Treppenhaus putzen? Freundliche Nachbarn haben übrigens schnell aufgeklärt: Die "gute deutsche Nachbarschaft" im Haus hat den wöchentlichen Putzplan missachtet; eine Firma ist beauftragt, Treppenputzen entfällt. Ob die junge Syrerin die Welt noch verstanden hat? Ihre Nachbarn sind Russlanddeutsche; mit denen hat sie ja jetzt Kontakt. Da können sie sich gemeinsam wundern. Altfried G. Rempe Pastoralreferent in Trier

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