Glücklich in Deutschland

TRIER. Anti-Depressiva ganz ohne Rezept und Praxisgebühr: Lars Reichow zog das Publikum bei der Benefizveranstaltung der Sparda - Bank aus dem Jammertal der Trübseligkeit.

Ganz Deutschland versinkt in der Depression. Das Wetter lässt schon bald zu Wünschen übrig, und wir zehren nur noch von dem Sommer-Märchen der Fußball-WM. Dabei hat Deutschland doch schon so viel geschafft. Wir sind Papst und Bundeskanzlerin - zählt das alles nicht? Im großen Saal der Tufa versuchte Pianist, Kabarettist, Sänger und Entertainer Lars Reichow mit seinem Bühnenprogramm "Glücklich in Deutschland" die deutsche Depression zu besiegen.Trockener Wortwitz

Am Flügel oder einfach nur mit trockenem Wortwitz schafft der Kabarettist Reichow es, das Jammertal des Pessimismus hinter sich zu lassen. Seinen Zuhörern verschreibt er erstmal eine ausreichende Portion Freudentränen. Dabei dient das Lachen nicht nur dem persönlichen Genuss des Publikums. Die Sparda-Bank hatte die Benefizveranstaltung auf die Beine gestellt. Die kompletten Eintrittsgelder kommen der sozialen Einrichtung "Villa Kunterbunt" und der Initiative "Herzenssache" zugute. "Wir verdoppeln den Betrag aus den Eintrittsgeldern", erklärt Harald Reuter, Leiter der Geschäftsstelle Trier. Insgesamt konnte die Sparda-Bank dadurch jeweils 2400 Euro an die beiden Kinderhilfsprojekte vergeben. Für ihr soziales Engagement werden die Zuschauer vom Klaviator mit einem Lacherlebnis der besonderen Art belohnt. Wenn die Tage kürzer werden, tritt bei den Frauen im Land die "Dekomanie" wieder auf. Für einen Mann wie Reichow völlig unverständlich, werden Kombinationen aus Stroh, Nüssen und Kerzen auf Tisch und Fenster angebracht, und in der Wohnung qualmen Teekannen auf Stövchen um die Wette. Können diese weiblichen Abwehr-Maßnahmen Deutschland von den negativen Schwingungen erlösen? Lars Reichow hält mit Musik dagegen. Am Flügel nimmt er so manche Marotte der Deutschen aufs Korn und versucht die Stimmung mit Parolen wie "Wir sind Sieger" aufzuhellen. Das Multitalent der Unterhaltung durchleuchtet die Welt des deutschen Durchschnittsbürgers von allen Seiten. Die Reisebegeisterung hier zu Lande ist ungebrochen. Ob Tunesien, Ägypten, Marokko, in die entferntesten Länder wagen sich die deutschen Globetrotter. Zur besseren Orientierung in der Fremde schlägt Reichow vor, die Büfettanordnung weltweit zu vereinheitlichen. Wenn die Saftpresse in jedem Hotel vorne links steht, kennt sich jeder gleich aus, und "dann geht der Urlaub auch schneller um". Ob Arbeitslosigkeit oder Ökonomisierung - die deutsche Depression hat viele Facetten. Behördengänge können trotz neu eingebauten "Deeskalationsbereichen" dem gestressten Bürger den letzten Nerv rauben. Um die moderne Frau von heute zu erobern, muss man(n) sich schon mehr einfallen lassen als noch zu Zeiten von Heinz Rühmann. Pralinen, Schmuck und Blumen seien nur "flankierende Maßnahmen". Wer in der deutschen Konsumgesellschaft mithalten will, der sollte die "queue-Card" immer griffbereit halten und galant jede Warteschlange hinter sich lassen. Auch wenn Lars Reichow nach seiner Bühnenshow seine Zuhörerschaft warnt, sie nach einer Zugabe womöglich gar nicht mehr gehen zu lassen, muss er zum Schluss noch einmal dem Flügel eine humorvolle Ballade entlocken. Deutschland von der Depression zu befreien, ist dem Klaviator beim Publikum in der Tufa gelungen.

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