Gräber, Galgenvögel, Grenzzoff, Gewerbegebiet

Trier-Euren · Böse Zungen behaupten, Euren sei Triers ältester Stadtteil und der einzige, der bereits in der Bibel vorkomme. "Einer von Euren wird mich verraten", habe Jesus gesagt. Ungeachtet derlei grammatikalischen Unfugs hat der Ort tatsächlich antike Wurzeln.

Mosaik über dem Portal der Pfarrkirche St. Helena: Es stammt von 1896 und zeigt die heilige Helena, die auch Patronin Eurens ist. TV-Foto: Roland Morgen

Trier-Euren. Auf der Eurener Flur begegnet man nicht nur den "Koben" (Raben), den inoffiziellen Wappenvögeln des Stadtteils. Mit etwas Glück findet man auch Mini-Relikte aus längst vergangenen Zeiten. Auf Feldern und Wiesen schimmern Mosaiksteinchen, Marmorstücke, Glas- oder Keramikscherben. Bei archäologischen Ausgrabungen von 2010 bis 2013 nahe der Moselschleuse fand das Rheinische Landesmuseum mehr als 200 antike Gräber. Die ältesten davon stammten von etwa 30 v. Chr., aus einer Zeit also, als die Stadt Trier noch gar nicht gegründet war. Alle Bestatteten stammten von einem nahegelegenen Gutshof. Sie sind die ältesten "bekannten" Eurener, waren aber bei weitem nicht die ersten Menschen, die auf dem Gebiet des Stadtteils lebten. Die Archäologen fanden auch Siedlungsspuren, die bis um 1000 v. Chr. zurückreichen.
Eine richtig große Nummer wird Euren im 4. Jahrhundert. Mittelpunkt ist eine weitläufige luxuriöse Villenanlage. Die mittelalterliche Legende, die den Prachtbau mit Kaiser Konstantins Mutter Helena in Verbindung bringt, hält sich in Euren weiterhin hartnäckig. Doch Experten widersprechen. Helena starb 330, die überaus reiche Ausstattung der Villa stammt aber aus späteren Jahrzehnten.
Fest steht: Die Bewohner waren betucht. Sehr betucht. Denn sie konnten es sich leisten, den Eurener Bach durch den mit zahlreichen Mosaiken ausgestatteten Komplex zu leiten, um Zierbecken zu speisen und Toiletten zu spülen. Außerdem dürften sie Landwirtschaft betrieben und selbst Spargel angebaut haben.
Die Villa ist längst von der Bildfläche verschwunden, doch ihr Standort bestens bekannt. Über ihren Fundamenten erhebt sich - wie bereits die Vorgänger-Gotteshäuser - die von 1874 bis 1876 in neugotischem Stil erbaute Pfarrkirche St. Helena. Die in Euren gerne propagierte Existenz eines womöglich von Helena selbst gestifteten Gotteshauses an dieser Stelle ist aber pures Wunschdenken. Erst ab dem 7. Jahrhundert ist dort eine Kirche nachzuweisen: In ihr wurde der 666 verstorbene Bischof Numerian beigesetzt. Den Nachfolgebau weihte Erzbischof Udo von Nellenburg am 17. August 1075 ein. Dieser Tag gilt als Gründungsdatum der Pfarrei St. Helena.
Die Bewohner von Euren, das damals Urium hieß, genossen schon seit dem Mittelalter Trierer Bürgerrecht. Und die Stadt nutzte die Eurener Flur als Vollstreckungsort für "Leibes- und Lebensstrafen". Der Gerichtsplatz samt berüchtigtem dreiholzigen Galgen befand sich zwischen heutiger B 49 (Luxemburger Straße) und Mosel. Gehenkte blieben, sofern keine weiteren Hinrichtungen dazwischen kamen, am Galgen hängen, bis ihre Leichen von selbst herunterfielen. Das ärgerte Bauern, die keine Abnehmer für Kirschen aus diesem Distrikt fanden, und Reisende, die der Gestank anekelte.
Erst Dompropst Graf von Walderdorff erwirkte die umgehende Beerdigung von Gehenkten. Aber vermutlich nur deshalb, weil sich Besucher seines (Lust-) Schlosses Monaise (erbaut 1779 bis 1783) am Anblick der an den Leichnamen herumpickenden Koben störten. Die französischen Revolutionstruppen, die Trier 1794 eroberten, machten endgültig Schluss mit der Galgenvögel-Ära. Sie zerstörten das Galgengerüst und erkoren den innerstädtischen Hauptmarkt zur Stätte von Hinrichtungen, die fortan - ebenfalls ein "revolutionärer Fortschritt" - zeitgemäß per Guillotine vollzogen wurden.
Schloss Monaise gehört zum Erstaunen eines unwissenden Stadtplan-Betrachters zu Euren und nicht zum viel näher liegenden Zewen - Resultat einer willkürlichen neuen Grenzziehung von 1853, die Euren auch Hunderte Hektar zusätzliches Ackerland bescherte, auf dem später die Zeppelinmontagehalle, der alte Flugplatz und schließlich das heutige Gewerbegebiet Niederkircher Straße entstanden.
Bei der Eingemeindung nach Trier 1930 wurden Euren diverse Privilegien zugesichert. Die landwirtschaftlichen Betriebe könnten auf die Dauer von 25 Jahren nicht zum Kanalanschluss gezwungen werden und - bis heute nicht widerrufen! - am Misthaufen vor dem Haus darf die Stadtverwaltung nicht rütteln.