Gräber im Visier von Langfingern

Gräber im Visier von Langfingern

Beschwerden über Diebstähle von Grabschmuck auf dem Trierer Hauptfriedhof haben in den vergangenen fünf Monaten zugenommen. Viele Betroffene meldeten dem Grünflächenamt Plündereien. Der 76-jährige Günter Stiedel pflegt selbst ein Grab und vermisst mehrere Blumenschalen und Pflanzen.

Trier. Ein Friedhof ist ein Ort der Ruhe und des Andenkens. Bepflanzung und Pflege von Gräbern sind für Hinterbliebene ein wichtiges Zeichen, die Erinnerung an den verstorbenen Menschen zu wahren. Genau dieser Ort der Stille und des Totengedenkens ist in den vergangenen Wochen Dieben mehrfach zum Opfer gefallen.
Günter Stiedel pflegt ein Familiendoppelgrab auf dem Hauptfriedhof Trier. Er berichtet davon, dass der Diebstahl von Grabbepflanzungen in Trier seit einigen Monaten enorm zugenommen habe.
Der 76-Jährige kümmert sich seit Jahren um das Familiengrab. Wenn hin und wieder eine Pflanze aus dem Beet entfernt wird, ist das für Stiedel ärgerlich, aber noch kein Grund zur Aufregung. Doch seit 2010 nehmen die Diebstähle seiner Erfahrung nach überhand.
Große Blumenschalen und mehrere Bäumchen wurden ihm dieses Jahr schon gestohlen. Dabei haben es die Räuber vor allem auf teurere Pflanzen abgesehen. "Kaum habe ich wertvolle Bäume gepflanzt, sind die weg", berichtet Stiedel.
Auffällig findet Stiedel hierbei die Art des Blumen-Diebstahls. Die Langfinger bedecken die entstandenen Löcher wieder mit Erde, so dass auf den ersten Blick gar nicht auffällt, dass etwas entfernt wurde. Auch der entstandene Dreck wird nach dem Eingriff wieder säuberlich weggefegt. Stiegel vermutet, dass die Diebe über ein Transportmittel verfügen müssen, um die 20 bis 30 Kilo schweren Pflanzenschalen zu entfernen.
Außerdem ist teilweise Werkzeug zum Diebstahl verankerter Gegenstände notwendig. So wurde vom Familiengrab auch ein metallenes Kreuz gestohlen, das in den Boden eingelassen war.
Bereits Ende Mai wurde vom Hauptfriedhof eine etwa 1,60 Meter hohe Bronzestatue geraubt. Stiedel schließt aus seinen Erfahrungen: "Das kann kein einfacher Dieb sein!"
Als Reaktion auf die Diebstähle hat Günter Stiedel Anzeige gegen Unbekannt erstattet und die Friedhofsverwaltung über die Vorfälle informiert. Auf TV-Anfrage teilt das zuständige Grünflächenamt der Stadt Trier mit, dass in den vergangenen Monaten tatsächlich die Beschwerden über Diebstähle von Blumen, Gestecken und Grablampen zugenommen hätten. Auch wenn das Personal angewiesen ist, verstärkt auf Auffälligkeiten zu achten, sei eine Überwachung des 16 Hektar großen Areals des Hauptfriedhofs schwierig. Der Leiter des Regiebetriebes, Michael Heimes, sieht aber keine Hinweise auf einen organisierten Diebstahl.
Die Größe des Geländes stellt auch die Polizei bei ihren regelmäßigen Kontrollen vor Herausforderungen. Der zuständige Bezirksbeamte läuft auf dem Hauptfriedhof fast täglich Fußstreife zu unterschiedlichen Tageszeiten, teilweise in ziviler Kleidung. Friedhofsbesucher weist er an, Auffälligkeiten zu melden. "Das Gelände ist jedoch riesengroß, weitläufig und von der Straße aus schlecht einsehbar", erklärt Stephan Wagner von der Polizeiinspektion Trier.
Günter Stiedel ärgert sich sehr über die Diebstähle und hat auch Mitleid mit anderen Betroffenen, die weitere Eingriffe fürchten. An einem Grab entdeckte er vor einigen Wochen ein Schild mit der Aufschrift: "Bitte Blumen stehen lassen. Sie sind für meinen Mann."
Stiedel selbst ist mittlerweile dazu übergegangen, die gestohlenen Pflanzen nur noch durch preiswertere, kleine Blumen zu ersetzen. Er hat auch schon über die Möglichkeit nachgedacht, eine Grabplatte als Abdeckung anbringen zu lassen. Aber eigentlich möchte er das Beet nicht gegen eine Steinplatte tauschen.
Meinung

Nichts ist mehr heilig
Dreiste Diebe haben ein relativ neues Feld für ihre Raubzüge entdeckt: den Gottesacker. Wo früher selbst Kriminelle gewisse Hemmungen hatten beziehungsweise gar nicht auf die Idee gekommen wären, schlagen sie inzwischen immer öfter gnadenlos zu. Friedhöfe sind kein moralisch-religiös geschützter Raum mehr, sondern werden als Gelegenheit für leichte Beute wahrgenommen und ausgenutzt. Nichts ist mehr heilig: Diese Erkenntnis wirkt für trauernde Angehörige besonders bitter und verletzend. Der materielle Wert des Grabschmucks stellt nur einen Bruchteil seines ideellen Werts als Zeichen des Andenkens an Gestorbene dar. Es bleibt nichts anderes übrig, als den Dieben ihr schändliches Werk so schwierig wie möglich zu machen, etwa durch das Fixieren von Figuren, Kreuzen und Lampen. Auf Verdächtiges zu achten und nächtliche Kontrollgänge der Polizei können das "Berufsrisiko" für Langfinger erhöhen. m.hormes@volksfreund.de