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Graffiti in Trier: Es wird schlimmer

Graffiti in Trier: Es wird schlimmer

Illegales Fassadensprühen in der Innenstadt - das Problem wird größer, die Täter aktiver. Die Opfer sind ratlos und bleiben auf Schäden in jeweils vierstelliger Höhe sitzen. Ein legaler Sprüher macht sich Sorgen um seine Kunst.

Eine Hauswand ist schutzlos. Kein noch so wachsamer Hausbesitzer kann seine Fassade rund um die Uhr bewachen. Die Täter sind schnell und leise, meistens kommen sie als Gruppe. Einer sprüht, die anderen verdecken ihn. Die Ergebnisse sind in vielen Fällen kurze Parolen, seltsame Symbole oder einfach sinnfreie Kritzeleien. Illegales Sprühen ist ein allgegenwärtiges Problem in Innenstädten. In Trier wird es schlimmer.

Vor acht Tagen waren unbekannte Sprüher im Karl-Marx-Viertel unterwegs, hinterließen ihre Werke an vielen Wänden und verursachten damit Schäden in fünfstelliger Höhe (der TV berichtete am 12. April). Die Polizei ermittelt, hat aber noch keine heiße Spur. Ohne konkrete Aussagen von Augenzeugen ist es schwer bis unmöglich, eine solche zu finden. Das fürchten auch Anwohner der Nikolausstraße und Eberhardstraße in Trier-Süd. Auch hier waren illegale Sprüher am Werk. "Es gibt eine ganze Reihe von Betroffenen. Wir werden alle Anzeige erstatten", sagt einer der Hausbesitzer. Er bittet darum, seinen Namen nicht zu nennen. "Ich fürchte sonst Racheaktionen der Täter. Dann wird vielleicht alles noch viel schlimmer."
Ein kurzer Rundgang durch das beliebte Wohnviertel bestätigt die Aussagen der Betroffenen. Mehrere Fassaden sind besprüht, auch ein Trafohäuschen der Stadtwerke wurde zur Leinwand umfunktioniert. Offenbar in einem Anflug von Selbstironie hat ein Sprüher den Begriff "Sachschaden" hinterlassen.

Ein Schriftzug fällt auf, weil er mit größerem Aufwand erstellt wurde als die restlichen Kritzeleien. "SEC" steht dort in schwarz umrandeten und farbig ausgefüllten Großbuchstaben. Das ist vermutlich der "Tag", die Visitenkarte der Täter. Im Karl-Marx-Viertel war es der Schriftzug "Can".

Die Sanierung einer besprühten Hauswand kann je nach Größe des Werks mehrere Tausend Euro kosten. "Auf diesen Kosten werden wir wahrscheinlich sitzen bleiben", sagt der betroffene Anwohner. "Manche der Fassaden waren gerade frisch renoviert. Die Täter werden immer rücksichtsloser."

Er habe "eine verdächtige Gruppe von vier bis fünf Leuten" gegen 23 Uhr in der Eberhardstraße gesehen", sagt der Anwohner. "Das habe ich auch der Polizei mitgeteilt." Detaillierte Personenbeschreibung? Nicht möglich. Wie so oft.
Ein Nachbar wird deutlicher. Auf seine besprühte Fassade angesprochen, sagt er knapp: "Wenn uns hier niemand hilft, werden wir uns in den Abend- und Nachtstunden selbst umsehen." Mit Selbstjustiz habe das nichts zu tun. "Eher mit Selbstverteidigung. Wir können hier nicht tatenlos zusehen und müssen selbst etwas unternehmen." Gewalt schließt er dabei aus. "Es geht nur darum, die Täter zu identifizieren."

Eine Gesamtübersicht aller von illegalen Graffiti betroffenen Häuser in Trier gibt es nicht. Keine Behörde oder Institution führt eine derart lokale Statistik. Landesweit wird die Zahl der angezeigten Fälle erfasst (siehe Info).
Die Polizei kann nur auf die Fälle reagieren, die ihr gemeldet werden. Deshalb appellieren die Ermittler an alle Betroffenen, Anzeige zu erstatten. Die Täter machen oft keinen Unterschied zwischen Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden. Die Stadt Trier kann ebenso wie private Sprühopfer nur darauf hoffen, dass die Ermittlungen Erfolg haben werden.

Insider der Graffiti-Szene fürchten unterdessen um den Ruf ihrer Kunst. "Es ist in der Tat so, dass man die Stadt als Leinwand sieht", sagt ein Graffiti-Künstler aus Trier. "Doch das ist nur eine Metapher. Mittlerweile gibt es viele legale Möglichkeiten, seine Kunst zu zeigen, graue Betonwände in schöne Bilder zu verwandeln und damit auch das Stadtbild zu verändern." Der eigene Name in der Szene, der Tag, spiele dabei natürlich eine Rolle. Aber: "Fälle wie im Karl-Marx-Viertel und jetzt in Trier-Süd setzen unsere Kunst herab."

Auch er will seinen Namen nicht in der Zeitung sehen, doch nicht aus Furcht vor Strafverfolgung. "Da habe ich nichts zu befürchten." Warum dann die Anonymität? Er überlegt kurz. "Es ist wohl auch eine Art Pose", sagt er dann. "Graffiti ist eben auch Untergrund."Extra

Fast 5000 Fälle in Rheinland-Pfalz

Die Zahl der gemeldeten Graffiti-Schäden in Rheinland-Pfalz ist laut einer Statistik des Landeskriminalamts von 2014 auf 2015 explodiert und stieg um 2000 auf 4835 Fälle. Auf diesem Niveau blieb die Zahl im Jahr 2016, hier waren es 4837 Fälle. Von den 411 registrierten Tatverdächtigen stellten die 14- bis 18-Jährigen mit einem Anteil von 42,1 Prozent die größte Altersgruppe. Auffällig ist auch eine Zunahme der Mädchen und Frauen unter den Tatverdächtigen, ihre Zahl stieg im vergangenen Jahr um 46,3 Prozent auf 60. Geschädigte Hausbesitzer können über 30 Jahre hinweg einen zivilrechtlichen Anspruch auf Schadenersatz geltend machen.