Grauenvolle Musik

TRIER. Ein "seltsamer Vorgang": Diethelm-Michael Jullien schenkt bewegten Bildern ein Transportmittel. Im Exhaus hat er den Stummfilm "Nosferatu" mit Musik begleitet.

Regen flimmert im Lichtstrahl des Projektors. Diethelm-Michael Jullien blickt gebannt auf die Leinwand. Von den Zuschauern trennt ihn weit mehr als ein Vorhang aus Tropfen. Er befindet sich in einer anderen Welt. Dort, wo er hinblickt, spielt eine junge Frau mit geflochtenem Haarkranz lächelnd mit einem getigerten Kätzchen. Es sitzt im Blumenkasten und angelt nach dem Spielzeug, das sie ihm hinhält - eine Szene aus einer heilen Welt. Und dennoch ahnt der Zuschauer, dass es mit dem Idyll bald vorbei sein wird. Nicht nur, weil er weiß, dass er "Nosferatu" schaut, die erste Verfilmung von Bram Stokers "Dracula". Er würde es ohnehin ahnen. Aber warum?Diethelm-Michael Jullien schenkt den Bildern Tiefe

"Er wünscht ein recht schönes, ödes Haus." Das steht in geschwungenen weißen Lettern auf einer schwarzen Karte, die die ganze Leinwand ausfüllt. In der vorausgehenden Szene spricht der kleine, verschrobene Häusermakler Knock gestikulierend zu seinem jungen Angestellten Thomas Hutter. Im Hintergrund sieht man ein riesiges altes Lagerhaus mit vielen kleinen Fensteröffnungen, das Objekt, das dem Interessenten angeboten werden soll, einem Grafen Orlok aus Transsilvanien. Hutter erhält den Auftrag, die Geschäfte abzuwickeln und begibt sich auf eine lange, gefährliche Reise. Ein Vampirfilm. Der Vampirfilm. Alt und stumm. Seine mehr cremefarben-dunkelbraun als schwarz-weiß wirkenden Bilder sind entstanden in einer Zeit, als sie noch nicht lange das Laufen gelernt hatten. Die Kutsche, die Hutter abholt, um ihn zum Schloss des blutsaugenden Grafen zu bringen, ruckelt in einer aberwitzigen Geschwindigkeit über transsilvanischen Stock und Stein. Ein schwarzer Umhang, überlange, spindeldürre weiße Finger, weit aufgerissene Augen über riesigen schwarz geschminkten Augenringen: Gestik und Mimik des hageren Kutschers wirken so übertrieben, so gewollt gruselig, dass sie dem modernen Zuschauer eher ein Lachen entlocken würden als eine Gänsehaut, wäre da nicht… Wäre da nicht was? Das Auffallende ist, dass sie nicht auffällt: die Musik. Diethelm-Michael Jullien schenkt den Bildern Tiefe. Er schenkt ihnen das Transportmittel, das sie bis zu den Zuschauern gelangen lässt. So lange seine Musik da ist, fällt sie nicht auf, denn sie ist eins mit dem, was von der Leinwand kommt. Erst als sie verstummt, fehlt sie. Die Bilder wirken plötzlich flach und hilflos. Man weiß nicht, was man fühlen soll. Bei alledem bleibt Jullien selbst Zuschauer, denn den Film sieht er zum ersten Mal. Was die nächste Szene bringt, weiß er nicht. Wenn man sich auch zu keiner Szene eine andere Musik hätte vorstellen können - jeder Ton scheint mit der Handlung fest verknüpft - sein Spiel auf dem Keyboard ist frei improvisiert. Vorbereitet hat der pensionierte Musiklehrer aus Tawern sich nicht. "Ich wusste es kommt ,Grusel-Grusel'", sagt er und lacht. Und "Grusel-Grusel" in einem stinknormalen Wohnzimmer zu üben, ginge gar nicht. "Der Regen war wunderbar", sagt er. Das habe ihn in die richtige Stimmung gebracht. Auch die hohen Bäume im dunklen Hof des Exhauses, wo der Verein "F.ab" (der TV berichtete) die "Sessel" seines Open-Air-Kinos aufgestellt hat. "Nur Blitz und Donner wären noch besser gewesen", sagt er. Wie für alle anderen, scheint auch für ihn die Musik meist von der Leinwand zu kommen. Oft habe er vergessen, dass er es ist, der sie macht, sagt er. Er gibt sich dem Erleben hin und erschrickt, wenn ihm klar wird, wer für die plötzlich so lauten und angsteinflößend schrillen Töne verantwortlich ist. "Das ist ein seltsamer Vorgang", findet der bald 65-Jährige. Ein seltsamer Vorgang, irgendwo zwischen gedankenverlorener Ekstase und höchster Konzentration. Denn, wenn er es auch den Bildern überlässt, mit Hilfe seiner Finger Musik entstehen zu lassen, so sorgt er gleichzeitig dafür, dass den Figuren Leitmotive zugeordnet sind: dem jungen, naiv-fröhlichen Hutter die hüpfende Melodie eines Jagdmotivs, seiner besorgten Frau leise Töne, subtile Akkordverbindungen, die ihr stilles Leiden widerspiegeln. Und die Szenen wechseln schnell, so schnell, dass das Wechseln der Keyboard-Register die Gefahr birgt, noch Jazz-Orgel zu spielen, während sich der Sarg schon öffnet.Düstere Stimmung

"Die Sarg-Szenen machen mir besonders viel Spaß", sagt Jullien, "diese düstere Stimmung noch zu verstärken." Auch hier ist gleichermaßen Inspiration wie Überlegung im Spiel. Er greift zu bekannten Motiven und verfremdet sie. "Bei dem Segelschiff, da kam mir der fliegende Holländer", sagt er und summt die Melodie. Am Ende des Films geht alles furchtbar schnell: Graf Orlok ist plötzlich tot, das junge Paar fällt sich in die Arme. Das Wort "Ende" steht in weißen Lettern auf einer schwarzen Karte. Applaus ertönt. Applaus? "Ach ja, Du warst das ja", denkt Diethelm-Michael Jullien und wendet sich dem Publikum zu. Schade, dass so wenige Stummfilme gezeigt werden.

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