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Gunter Demnig verlegt in Trier Stolpersteine für Opfer des Nazi-Regimes

Neue Stolpersteine in Trier : Wenn Nachbarn zum Feind werden

Ein ehemaliger Fußballer der Eintracht Trier, zwangssterilisierte Gehörlose, ein ehemaliges Mitglied der KG Heuschreck und für weitere Opfer des Nationalsozialismus aus der Region sind Stolpersteine verlegt worden.

In einem Moment sind sie noch angesehene Lehrer, gefeierte Karnevalisten, Fußballer und Inhaber von Geschäften, in denen man gerne einkauft. Dann sagen die Nazis: Die gehören nicht mehr dazu! Und die Trierer schauen zu oder machen gar mit, als ihre Nachbarn schikaniert und entrechtet werden, schließlich aus der Stadt gejagt oder in Vernichtungslager deportiert werden. Es sind solche Geschichten, die jene neuen Stolpersteine erzählen, die der Künstler Gunter Demnig auf Initiative des Kulturvereins Kürenz, hauptsächlich in der Innenstadt, verlegt hat.

Es war nicht der erste Besuch Demnigs in Trier: Bei 20 Aktionen hat er, zusammen mit den neuesten, inzwischen 330 Stolpersteine verlegt. In Europa sind es derer nun schon rund 80 000 – wenigstens diese Opfer der Nazi-Herrschaft haben dadurch wieder einen öffentlich sichtbaren Namen bekommen. Die im Boden eingelassenen Steine schließen mit einer Metallplatte ab, auf denen der Name und einige biografische Daten genannt werden. Verlegt wurden sie dort, wo die Menschen ihren letzten freiwillig gewählten Wohnsitz hatten.

An einem solchen Ort steht heute der Kaufhof in der Fleischstraße. Von 1924 an betrieb dort Louis Scheuer seine Kaufmännische Handelsschule und wohnte hier auch mit seiner Frau Betty. Die Privatschule genoss einen hervorragenden Ruf. Außerdem war Scheuer in Trier noch durch eine weitere Tätigkeit populär: Schon früh, nachdem er 1904 nach Trier gezogen war, wurde er aktives Mitglied der Karnevalsgesellschaft Heuschreck. Und dort machte er mit seinen Revuen von sich reden – sogar über die Stadtgrenzen hinaus bis ins Millowitzsch-Theater in Köln fanden diese Anklang. Die wahrscheinlich bekannteste Revue aus der Feder des „Hofpoeten der Heuschreck“ trägt den Titel: „Mein Trier, wie lieb‘ ich Dich“.

Leider liebte ihn die Stadt nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht zurück. Scheuer war jüdischen Glaubens und das reichte plötzlich aus, um seine Existenz zu vernichten. Die Kaufmännische Schule wurde erst boykottiert und 1935 „arisiert“. Hinter diesem Nazi-Sprech verbirgt sich nichts anderes als: Scheuer wurde gezwungen, die Schule ohne Entschädigung an die Stadt abzugeben. Wenig später wurden er und seine Frau aus Trier verjagt. Zwar überlebten sie den Weltkrieg, Genugtuung bekam Louis Scheuer aber nicht. Mit einer aus heutiger Sicht fadenscheinigen Argumentation wurde sein Antrag auf Rückerstattung der Handelsschule abgewiesen. Lediglich 1200 D-Mark wurden ihm als Sachentschädigung zugestanden. Doch das erlebte er nicht mehr, denn zwei Tage nach diesem Entscheid starb Scheuer am 12. Dezember 1958.

Wie unfassbar die Erfahrung von Diskriminierung und Vertreibung für die Bertoffenen war, davon berichtete Dr. Elfriede Henkel anlässlich der Stolpersteinverlegung in der Brotstraße für Ruth und Hans Stern sowie seinen Bruder Dr. Fritz Stern. Über den Sohn des Ehepaars Stern, Dr. Dan Shiran, der in Saarbrücken Chemie studierte, war eine Freundschaft der Familien entstanden. Bei einem Besuch in Israel lernte Henkel die Sterns kennen. Deutschland sei für sie stets Heimat geblieben, sie sprachen zuhause Deutsch und kochten deutsches Essen. Über die Zeit vor der Vertreibung hätten sie nur wenig gesprochen, aber es war zu spüren, dass es hier eine bleibende Wunde gab. Hans Stern hatte in der Brotstraße ein gut gehendes Schuhgeschäft und war als Spieler bei Eintracht Trier aktiv. Den Bruch durch den Nazi-Terror beschrieb Henkel so: „Die Umwelt, in die man hineingeboren war und in der man sich aufgehoben und verwurzelt fühlte, wurde plötzlich ohne erkennbaren und nachvollziehbaren Grund zur feindlichen, zur existenziellen Bedrohung.“ Hans Stern hat es einmal so geschildert: „Man war weniger wert als ein Hund und wurde gejagt wie ein Hund.“

Auch der Bruder, Dr. Fritz Stern, musste aus Deutschland flüchten. Nach 1933 durfte der Mediziner seine Dozententätigkeit an der Uniklinik Heidelberg nicht fortsetzen. Eine günstige Wendung für ihn war 1935 das Angebot, sich am Aufbau einer Krankenversicherung für die wachsende Zahl an Emigranten in Palästina zu beteiligen. Dem Wirken von Dr. Stern verdankt der spätere Staat Israel ein bis heute leistungsstarkes Krankenversicherungsmodell, das stark vom deutschen Vorbild geprägt ist. Als Arzt behandelte Stern viele namhafte Patienten, darunter Chaim Weizmann, Israels ersten Staatspräsidenten.

An der Stelle ihres einstigen Ladens in der Neustraße berichtete Großneffe Volker Collinet über die Geschäftsfrau Rosa Collinet. Mit ihrem Geschick bei Handarbeiten verdiente sie eigenständig ihren Lebensunterhalt. Diese für Frauen in dieser Zeit keineswegs übliche Unabhängigkeit war ihr wichtig. Sogar ihre Ehe zerbrach, weil Rosa Collinet sich weigerte, ihren Mann als Geschäftspartner eintragen zu lassen. Später stand sie solidarisch auch der Großmutter von Volker Collinet bei: Auch deren Ehe war gescheitert und Rosa gab ihr Arbeit. Nach 1933 wurde ihr die Unabhängigkeit Stück für Stück genommen. Für die Nazis war sie, obwohl schon Jahre zuvor zum Christentum konvertiert, Jüdin und damit der Feind. Mit Schikanen aller Art zwang man sie zur Geschäftsaufgabe. Auch ihren Vornamen musste sie in Sara ändern. Am Ende standen Zwangsumsiedlungen innerhalb von Trier und schließlich 1941 die Deportation zum Ghetto Lodz. Rosa Collinet überlebte den Transport dorthin nicht.