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Gut versorgt und doch gefährdet

Gut versorgt und doch gefährdet

MARIAHOF. Ob Margarine oder Malstifte, Sonnenöl oder Sahnekuchen - im Stadtteil ist fast alles zu haben. Doch Konsumtempel wie das Alleencenter machen auch den Mariahofer Einzelhändlern zunehmend zu schaffen.

EmilieTheissig füllt die Plastiktüte, greift zu ihrem Gehstock undmacht sich auf den Nachhauseweg. Ein Auto hat sie nicht undbraucht sie nicht; denn was die 91-Jährige für den täglichenBedarf benötigt, findet sie in ihrem Stadtteil. "Die haben einsehr gutes Angebot hier", sagt die rüstige Dame zufrieden. Nurselten fährt Emilie Theissig in die Stadt, dann braucht sie neueKleidung oder ein passendes Geschenk. "Nahezu autark" sei ihr Stadtteil, sagt Ortsvorsteherin Maria Marx. Tatsächlich kann niemand verhungern, der in Reichweite von Mariahofs Einkaufszeile lebt. Zwei Bäckereien sorgen für das tägliche Brot, zwei Lebensmittelgeschäfte für mehr als den Belag. Im entsprechenden Studio scheint das ganze Jahr über die Sonne, und für Flüssignahrung ist reichlich gesorgt. Ein stadtbekannter Arzt hat auf dem Mariahof seine Praxis und eine Apotheke die passende Medizin für dessen Patienten. Selbst an Energie mangelt es den Bewohnern nicht - die liefert seit Anfang der 60-er Jahre eines der bundesweit ersten Fernheizwerke.

Doch ob die Mariahofer auch künftig so optimal versorgt sein werden, wird sich in den kommenden Jahren herausstellen. Denn immer mehr Kaufkraft fließt in die Talstadt.

Noch sei er zufrieden mit seinem Standort, sagt Johannes Swiderski, Inhaber des Mariahofer Edekas. Zu verdanken habe er das jedoch vor allem seinen älteren Stammkunden. Für die bietet er auch zweimal die Woche einen Heimservice an; ein Angebot, das rund 20 Senioren in Anspruch nehmen.

Nicht rosig seien die Zeiten auf dem Mariahof, meint Floristin Andrée Hochleichter. Seit anderthalb Jahren betreibt sie ihren Blumenladen "Stilblüten", doch seit vergangenem Sommer sei es merklich ruhiger geworden. Um mehr als ein Drittel ist ihr Umsatz zurückgegangen. Und das, obwohl sie mit ihren Preisen durchaus mit "den Großen" konkurrieren könne, wagt die Kauffrau den Vergleich. Doch das wissen offenbar nur "einige Stammkunden" wirklich zu schätzen. "Wenn mein Mann nicht auch noch arbeiten würde, könnte ich nicht mehr existieren", räumt Hochleichter ein. Dabei scheint der größte Konkurrent der Mariahofer Einzelhändler das Auto zu sein; wer eins hat, der nutzt es auch. So wie Agnes und Alfred Dewald, die schon seit Jahrzehnten im Stadtteil leben: "Eigentlich bekommt man hier ja alles. Aber weil wir ein Auto haben, fahren wir auch schon mal in die Stadt und kaufen dort ein." Nur sporadisch gehen die Dewalds vor Ort einkaufen.

Nicht nur für Apotheker Henning Groß hat das Übel einen Namen: Alleencenter. "Wer solch eine Politik betreibt, darf sich nicht wundern, wenn die Innenstädte aussterben", kritisiert er. Und "tot" sei "von Zeit zu Zeit" auch die Ladenzeile auf dem Mariahof. Im Großen und Ganzen ist Groß dennoch zufrieden mit seinem Standort. Er weiß aber, dass einige Mariahofer sich beim Großeinkauf in der Ostallee auch bei den Apotheker-Kollegen in Bahnhofsnähe ihre Medikamente besorgen, was er gleichwohl niemandem vorwürft.

Vor allem ältere Stadtteilbewohner fürchten inzwischen, dass einige Einzelhändler sich auf Dauer nicht halten können. Denn Leidtragende wären alle, die nicht automobil sind.