Gute Gene und fünf Generationen
Trier-Euren · Drei Schwestern, 296 Jahre: Die Eurenerin Regina Poß hat in ihrer Familie mehrere 100. Geburtstage erlebt - etwa den der Mutter und den der älteren Schwester. Nun feierte sie ihren eigenen - und ist fitter als manche 80-Jährige.
Trier-Euren. 100 zu werden ist anstrengend. Selbst wenn Körper und Geist so gnädig waren, dass man jeden Morgen "danke" aus dem Fenster schreien könnte. "Hier ist den ganzen Tag schon was los", sagt Regina Poß. "Schon seit 9 Uhr morgens." Sie ist entspannt. Alles gut. "Ich habe ja eine sehr liebe Familie." Wenn es lauter wird, hat das nur einen Grund: "Ich höre nicht mehr gut."
Es ist Dienstag, später Nachmittag. Der OB hat sich noch angekündigt, Ortsvorsteher Hans-Alwin Schmitz ist schon da. Dann die Presse, die halbe Familie, alte Nachbarn. "Kaffee, Kuchen, Sekt?"-Fragen schwirren durch die Küche, draußen ploppen Tennisbälle gegen die Hauswand des Elternhauses aus den 1920ern. Der Nachwuchs übt, die Ur-Enkel Tim und Paul und Timon-Neo. Letzterer ist ihr Ur-Ur-Enkel. Ein Wort, so selten, dass es nach Sprachfehler klingt. So verteilen sich fünf Generationen auf Wohnzimmer, Küche, Innenhof.
Das Haus ist mehr als nur eine Bleibe. Meine Burg, würden Engländer sagen. Und Regina, die Königin, lebt hier seit ihrer frühen Kindheit: Damals, in der Friedensstraße in Euren, dem alten Dorf gegenüber der noch älteren Stadt. Namen und Grenzen sind verwischt. Seit über 80 Jahren gehört Euren zu Trier, auch wenn sich der Stadtteil viel Dorf bewahrt hat. Und die Friedensstraße gibt es nicht mehr, sie heißt längst Reulandstraße. Regina Poß hat das alles erlebt, aus direkter Nähe und weiter Ferne. Den Ersten Weltkrieg? Kaum, erinnerungslos, als Baby und Kleinkind. Den Zweiten Weltkrieg dann viel brutaler. "Mein erster Mann fiel 1941." Sie war 27, Witwe und Mutter der dreijährigen Tochter Katharina. "Ich habe dann noch einmal geheiratet, meinen Jugendfreund Jakob." Mit ihm hat sie drei weitere Kinder. Wie man es schafft, 100 zu werden? Das will einer der Pressevertreter wissen, das Standardrepertoire. Sie schaut hoch, mustert den Fragesteller durch die Brille. Als gebe es die eine universelle Formel, das große Geheimnis, das nun endlich ans Licht darf. "Kein Alkohol, vielleicht?", hakt er nach. "Lüg\' jetzt nicht!", schallert es von der Seite, noch bevor das Geburtskind antworten kann. (Kein) Alkohol war kein Rezept. Das Haus war immer auch Treffpunkt für Eurener Vereine, ein "Haus der offenen Tür". Natürlich gab es da mal Viez, Bier oder "ein Schnäpschen".
"Nicht so schwernehmen"
Aber was hilft? "Humor", sagt sie, "vor allem Humor. Man darf das Leben nicht so schwernehmen." Und, wichtig: "Ich habe nichts entbehrt." Altwerden sei zudem "alte Tradition bei uns". Denn die gelernte Näherin und begeisterte Handarbeiterin ("Es gibt keine Straße in Euren, in der nicht irgendjemand eine gehäkelte Tasche von mir hat") ist nicht einmal die Älteste. Ihre ältere Schwester ist 103, die jüngere 93. Schon ihre Mutter wurde 103 Jahre alt. Aus dem Nebenzimmer kündigt sich der nächste Besuch an. OB Klaus Jensen lässt sich entschuldigen, er ist krank. Ihn vertritt Bürgermeisterin Angelika Birk. "Schön, dass mal eine Frau kommt", so wird sie von Regina Poß begrüßt. Birk bringt rote und gelbe Rosen mit - und ein Glückwünschschreiben von Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Poß liest es aufmerksam durch, schaut dann hoch. "Bin ich mit 100 denn noch was wert?", fragt sie mit einem Augenzwinkern. "Aber klar, sogar 100-fach", antwortet Birk. Von der Stadt gibt\'s 50 Euro als Präsent. 100 wären vielleicht passender. Aber da kann auch die Bürgermeisterin nichts machen. "Sie wissen ja, die Stadt ist nicht so reich."