guten_morgen_neb_27.12

Alle Jahre wieder sind sie da: An Heiligabend schlägt die Stunde der U-Boot-Christen. 361 Tage im Jahr sind sie abgetaucht, doch zum 24. Dezember bevölkern sie plötzlich die Kirchenbänke. Ob im Familiengottesdienst um 16, bei der Christ-Vesper um 18 oder der Mette um 23 Uhr - auf einmal sind die Reihen gefüllt.

Vorzugsweise übrigens die hinteren, denn die U-Boot-Christen kommen quasi in geheimer Mission - nicht auffallen, heißt die Devise. ´ Dennoch sind sie gut zu erkennen, die seltenen Gäste: Da wären zum einen die mangelhaften Text-Kenntnisse beim Vater Unser, Glaubensbekenntnis oder einschlägigen Kirchenliedern, die durch angestrengte, aber lautlose Lippenbewegungen vertuscht werden sollen. Da wären zum anderen die minimal zeitversetzten Einsätze beim Aufstehen und Hinsetzen - wer sich stets an seinen Vorderleuten orientiert, reagiert nun mal etwas verzögert. Und noch ein weiteres Merkmal kennzeichnet die U-Boot-Christen: Meist sitzen sie mit einem Hauch von schlechtem Gewissen und mit gesenktem Blick in ihren Bankreihen, bemüht, niemandem direkt in die Augen zu schauen. Es könnte ja jemand da sein, der regelmäßiger Kirchgänger ist und damit den Gegenüber sofort als U-Boot-Christen identifiziert. Doch diesen Montag, also Heiligabend, schlug gegen 18 Uhr nicht nur die Stunde der U-Boot-Christen, sondern noch viel mehr. In ihrer Verabschiedung wandte sich die Pastorin ausdrücklich an diejenigen, die nur zu Weihnachten in die Gottesdienste kämen: "Danke, dass Sie nicht austreten, sondern immer noch Kirchensteuern zahlen, obwohl Sie davon wohl am wenigsten haben!" Ein Raunen und sogar teils erleichtertes Aufatmen ging durch die Kirchenreihen. Das lief runter wie Öl. Und plötzlich fühlte ich mich als U-Boot-Christin gar nicht mehr sooo schlecht…