Guter Riecher

TRIER. (cofi) "Der Geschmack wird einem Kind angeboren, wie die Intelligenz", sagt Josef Steinlein. Entweder man hat ihn oder nicht. Seinen Geschmackssinn und das gute Gespür für exzellente Weine ist das Kapital des heute 84-Jährigen, der mit seinem Bruder Erwin den 1924 gegründeten Weinhandel des Vaters Fritz Steinlein bis 1991 weiterführte.

So, wie gute Musiker das perfekte Gehör haben, gibt es bei Weinfachleuten den perfekten Geschmackssinn. Josef Steinlein hat ihn zweifellos. 1924 machte sich sein Vater, der Küfermeister und Kellermeister bei den Vereinigten Hospitien und dem Friedrich-Wilhelm-Gymnasium war, mit einem eigenem Geschäft als Weinkommissionär in der Engelstraße selbstständig. Das Metier des Vaters hat Josef Steinlein von Kindheit an erlebt. Nach einer kaufmännischen Ausbildung stieg er kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges als 18-Jähriger in die väterliche Firma ein und erlebte die letzte Weinversteigerung im Jahr 1939 mit. Dabei kamen 60 Weine aus dem Gebiet Mosel-Saar-Ruwer unter den Hammer, "die ich alle mitprobiert habe". Seinen Vater begleitete Steinlein beim Einkauf und lernte in der Praxis, die geerbten Gaben zu trainieren und zum Stolz seines Vaters zu perfektionieren.Als Gutachter gefragt

Nach der Heimkehr aus amerikanischer Gefangenschaft und langer Genesungszeit nach schwerer Krankheit begann Josef Steinlein 1948 wieder mit ganzer Kraft mit der Arbeit. "Es entstand neues Leben in mir und ich habe Tage und Nächte gearbeitet." Buchhaltung, Korrespondenz und Kundenbesuche gehörten zu seinen Aufgaben. Die Steinleins, Vater und Söhne, hatten in Trier und der gesamten Region einen ausgezeichneten Ruf. "Wir standen oft in Weinsachen vor Gericht, aber nicht als Angeklagte, sondern als Gutachter", sagt Josef Steinlein. Anfang der 1950er-Jahre begann er, Reisen zu unternehmen und neue Kunden zu werben. Vieles sei über Mund-zu-Mund-Propaganda gelaufen, erinnert sich Steinlein. Immer sei Ehrlichkeit und Geradlinigkeit das Erfolgsrezept von Josef Steinlein gewesen, sagt seine Frau Maria. Der 84-Jährige habe sich nie beirren lassen. Auch als junger Mann hat er auf seine Gaben und sein Wissen vertraut, sich "im Kreise alter Herren" durchzusetzen gelernt und sich so das nötige Ansehen erworben. Auch in Zeiten, als der deutsche Wein durch Skandale in Verruf gekommen war, haben die Steinleins durch ihr fachliches Wissen, die ehrliche Geschäftsführung und Kundennähe keinen Einbruch erlitten, obwohl "wir zum Beispiel die Glykol-Geschichte in den 80erJahren auch zu spüren bekamen. Aber wir haben unseren Kunden versichert, dass wir niemals Glykol verwendet haben. So gab es keinen Kunden, der uns das Vertrauen entzogen hat." Josef und Erwin Steinlein weiteten zu dieser Zeit ihr Sortiment als zusätzliches Standbein auch auf französische Rotweine aus. Doch Steinleins Herz schlägt bis heute für deutsche Weißweine. "Ich war mit dem Weingeschäft, den Kunden und den Lieferanten sehr eng verbunden", sagt er. So fiel ihm der Abschied von seiner Firma vor rund 15 Jahren besonders schwer. Tröstlich war, dass die Brüder Steinlein den Familienbetrieb - "schuldenfrei", wie Josef Steinlein betont - in gute Hände der Gebrüder Weber geben konnten, die das Geschäft im Sinne der Familie weiterführen. "Ich würde immer wieder Weinhändler werden", sagt Josef Steinlein voller Überzeugung. An seinem 80. Geburtstag holte er die letzte von drei Flaschen einer Schlossböckelheimer Kupfergrube, Trockenbeerenauslese, Jahrgang 1921, aus der Schatzkammer. "Ein ganz großer Wein", schwärmt er noch heute. Eine vierte Flasche des "überwältigenden" Tropfens hat Steinlein noch einmal geschenkt bekommen, die er zu seinem nächsten Geburtstag, dem 85., öffnen und mit seinen Gästen genießen will.