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Bildung: Gymnasiallehrer fordern: Abitur muss anspruchsvoller werden

Bildung : Gymnasiallehrer fordern: Abitur muss anspruchsvoller werden

In Rheinland-Pfalz steigt seit Jahren die Zahl der Abiturienten. Das Land liegt mit dem Notendurchschnitt im bundesweiten Vergleich nur auf einem hinteren Platz.

Die Gymnasiallehrer wollen, dass die Anforderungen an die Abi­turprüfungen höher werden und die Abiturienten besser auf das Studium vorbereitet sind. Abiturnoten sollten eine bessere Aussagekraft im Hinblick auf die Studierfähigkeit erhalten, sagt Jochen Ring, Sprecher des rheinland-pfälzischen Philologenverbandes, der die Interessen der Gymnasiallehrer vertritt.

Zu einfach sei das Abitur in Rheinland-Pfalz nicht, sagt Ring. Es gebe „gute und anspruchsvolle Abiturprüfungen“, findet er. Angesichts der hohen Zahlen an Studienabbrechern sollten die Noten ein realistisches Bild über die Fähigkeiten der Abiturienten abbilden. Dazu müssten die Anforderungen zum Bestehen des Abiturs landes- und bundesweit vergleichbar sein, sagt Ring. Er spricht sich für ein Zentralabitur aus, betont aber, dass sich das dezentrale Abitur, bei dem die schriftlichen Aufgaben von den Schulen selbst formuliert werden, bewährt habe. Lediglich in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch können die Schulen aus einem zentralen, vom Bildungsministerium zur Verfügung gestellten Pool Aufgaben auswählen. Rheinland-Pfalz ist das einzige Bundesland, in dem es noch ein dezentrales Abitur gibt.

Trotzdem teilt er die Forderung seines Bundesverbandes, der die Interessen der Gymnasial- und Berufsschullehrer vertritt, dass die Anforderungen an die Abiturprüfungen steigen müssten. Das, so stellt Ring klar, heiße nicht, dass der Philologenverband schlechtere Noten fordere, wie es etwa Spiegel online Anfang der Woche formuliert hat. „Jede Lehrkraft freut sich zusammen mit den Schülern, wenn sie deren tatsächlich gute Leistungen entsprechend honorieren kann“, sagt Ring. Es gehe darum, dass den Abiturnoten eine „bestmögliche Aussagekraft bezüglich des zu erwartenden Studienerfolges“ beigemessen werden könne.

Die Landesschülervertretung hat sich bereits 2017 gegen ein Zentralabitur ausgesprochen. Aus Sicht der Schüler haben bereits jetzt die Abiturnoten wenig Aussagekraft, da sie nur wiedergeben würden, wie gut Schüler den vorgegebenen Stoff auswendig gelernt hätten, nicht aber persönliche Fähigkeiten.

Seit Mittwoch laufen die schriftlichen Abiturprüfungen für die rund 14 000 Abiturienten an den Gymnasien im Land. Seit 2004 ist die Zahl der Abiturienten trotz rückläufiger Schülerzahlen in Rheinland-Pfalz gestiegen, von 12 130 auf 18 165 im Jahr 2017, davon 834 allein in Trier. Der Notenschnitt aller Abiturienten im Land hat sich seit 2007 von 2,63 auf 2,49 verbessert. Im Vergleich der 16 Bundesländer landet Rheinland-Pfalz damit allerdings nur auf dem drittletzten Platz.

In Thüringen liegt der Abischnitt bei 2,18, dort legen rund 37 Prozent der Abiturienten ein Einser-Abi ab. In Rheinland-Pfalz liegt dieser Anteil bei rund 22 Prozent. Die wenigsten Abiturienten in Rheinland-Pfalz schließen mit einer Note schlechter als 3,5 ab. Im Schnitt liegt die Abiturnote im Land bei 2,49. Am wenigsten 1,0-Abis hat es in Schleswig-Holstein und Niedersachsen gegeben.

Der Philologenverband warnt jedoch davor, solchen Vergleichen eine zu große Bedeutung beizumessen, da die Anforderungen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich seien. Ring verweist darauf, dass es in Rheinland-Pfalz „gute und anspruchsvolle Abiturprüfungen“ gebe.

Um eine Eins in einem Prüfungsfach zu erhalten, sollte künftig wieder erforderlich sein, dass 100 Prozent der Aufgaben richtig gelöst würden, verlangt die Bundesvorsitzende des Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing.

Es gelte aktuell, dass nur 90 Prozent der Aufgaben gelöst werden müssen, damit man ein „Sehr gut“ erhält. Laut eines Beschlusses der Kultusministerkonferenz, in der sich die Bundesländer in ihrer Bildungspolitik abstimmen, gelte für die gymnasiale Oberstufe, dass eine Prüfung als bestanden gilt, wenn die Schülerin oder der Schüler weniger als die Hälfte der Aufgaben gelöst hat. „Hier sollte wieder die Hälfte als Mindestniveau gelten“, sagt Lin-Klitzing.

Diskussion über Anspruch der Reifeprüfung ärgert Bildungsministerin.

Bildung: Gymnasiallehrer fordern: Abitur muss anspruchsvoller werden
Foto: dpa-infografik/dpa-infografik GmbH

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) weist die Kritik der Gymnasiallehrer an den Abiturprüfungen zurück. Der Philologenverband tue den Schülern unrecht, „die viel Arbeit und Mühe investieren“. Das Abitur zu erlangen, sei nach wie vor anspruchsvoll.„Die Diskussion über das vermeintlich zu leichte Abi ist nicht neu, und sie wird nicht gehaltvoller, wenn man sie immer wieder aufwärmt“, sagte Hubig unserer Zeitung. Die Standards und das Niveau der Prüfungen würden regelmäßig überprüft.

„Die Gesellschaft hat sich verändert,  und so gehen heute mehr Kinder auf das Gymnasium und können das Abitur erreichen.

Das zeigt sich auch in der Entwicklung der vergangenen Jahre. Haben 2007 in Rheinland-Pfalz noch 25 Prozent der 18- bis 19-Jährigen Abitur gemacht, waren es 2016 bereits 34,3 Prozent. Die Zahl der Abiturienten ist von 2007 von rund 12 000 auf über 18 000 im Jahr 2017 gestiegen. Hubig wehrt sich auch gegen immer wieder vor allem von Eltern vorgebrachte Kritik, dass das Abitur etwa an Integrierten Gesamtschulen einfacher sei als an Gymnasien. Das sei eine „immer wieder vorgetragene Legende“. Hubig: „Dem ist nicht so.“

Die rechtlichen Vorgaben für die gymnasiale Oberstufe, die Lehrpläne sowie die Prüfungsanforderungen für das Abitur seien in Rheinland-Pfalz für die Oberstufen an Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen identisch. „Zwischen den Schularten gibt es keinen feststellbaren Unterschied in den Anforderungen.“ Prüfungsvorschläge würden von der Schule der jeweils fachlich zuständigen Abiturauswahlkommission vorgelegt, die die Vergleichbarkeit der Aufgabenstellungen innerhalb des Landes sicherstelle. Außerdem verfügten die Lehrer an Gesamtschulen über die gleiche  Ausbildung wie die an den Gymnasien.

„Wir wollen keine Sackgassen, sondern Chancen in der Bildung. Ziel sollte es doch sein, dass jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten gefördert wird und ihm die beste Bildung ermöglicht wird“, sagt Hubig. Das Abitur sei bei der Vielfalt der Wege und Chancen an den Schulen lediglich der höchste schulische Bildungsabschluss.

Um sicherzustellen, dass die Kinder nach der Grundschule nicht durch die falsche Schulwahl überfordert würden, fordert der Philologenverband eine verbindliche Grundschulempfehlung.

In den meisten Bundesländern, auch in Rheinland-Pfalz, könnten die Eltern heute alleine entscheiden, auf welche weiterführende Schulart ihr Kind wechselt. Stattdessen solle es eine Kombination von Elternwunsch, Lehrerurteil und bundesweiten Tests in der letzten Grundschulklasse nach deutschlandweit geltenden Standards geben. „Die Noten für diese Tests sollten als ein Bestandteil in die Grundschulempfehlung eingehen“, sagte Lin-Klitzing.

(mit Material von dpa)