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Händchenhalten im Priesterseminar

Händchenhalten im Priesterseminar

Daniel Bühling will ursprünglich Priester werden. Nach acht Jahren Studium in Lantershofen (Kreis Ahrweiler) tritt er stattdessen aus der Kirche aus. In seinem Buch "Das 11. Gebot: Du sollst nicht darüber sprechen" thematisiert er seine Erfahrungen als Homosexueller unter Gleichgesinnten.

Trier/Lantershofen. Priesteramtsanwärter Daniel Bühling wirft hin und tritt aus der Kirche aus. Über die Gründe klärt der 35-jährige Theologe, der heute in der Nähe von Augsburg wohnt, in seinem Buch "Das 11. Gebot" auf, das seiner Meinung nach lautet: "Du sollst nicht darüber sprechen." Bühling spricht - auch bei einer Lesung in Trier.
Während seines Studiums im Spätberufenenseminar St. Lambert in Grafschaft-Lantershofen kreuzte er von 2004 bis 2006 die Wege mit dem damaligen Seminarleiter (Regens) Stephan Ackermann, heute Bischof von Trier.
Rückblickend sagt Bühling, selbst homosexuell: "Das Priesterseminar ist die Schwulenbörse Nummer eins." Er arbeitete als Wirt in der Seminar-Kneipe, die er "fast als interne Schwulenbar" bezeichnen würde. Er sagt "fast", da es sich mehr um eine verdeckte Homosexualität gehandelt habe. Vom Händchenhalten bis zum Streicheln über den Oberschenkel: "Es wurde ausgetestet, wie weit man gehen darf." Allzu öffentlich habe es nicht sein dürfen: "Die Angst, entdeckt zu werden, war zu groß."
Auf die neuen Erstsemester hätten sich die älteren Seminaristen besonders gefreut: Die Neuankömmlinge seien meist schon einige Tage vorher ins Seminar gekommen, um sich einzuleben. "Auch die Altseminaristen waren dann schon da." Man habe das "Frischfleisch" abchecken und Kontakte knüpfen wollen. Zwar seien Sahnestückchen, wie es in der Schwulenszene heiße, eher selten: "Dennoch war in der Regel für jeden etwas dabei." Einige Priesteramtsanwärter hätten die Neuen gar als "Bückstücke" bezeichnet, erinnert sich Bühling, der sich von dieser Wortwahl distanziert.
Sextreffen und Schwulenpornos


Nach einiger Zeit platzte dann die Bombe: Auf dem öffentlichen Bibliotheksrechner hätten die Studenten sich für Sextreffen verabredet und Schwulenpornos angesehen. Auf ihren privaten Computern sei das nicht möglich gewesen: "Dort wurden die Internetaktivitäten kontrolliert und protokolliert."
Einmal habe jemand vergessen, die Seiten zu schließen und damit seine Spuren zu verwischen. Die Seminarleitung habe daraufhin das Gespräch mit den Seminaristen gesucht und diese zum Outing bewegen wollen. Ein Kommilitone habe das Angebot angenommen und sich den Kirchenoberen anvertraut: "Den haben sie danach in Therapie geschickt." Priester habe dieser dann nicht mehr werden dürfen. "Offiziell natürlich aus einem anderen Grund", sagt Bühling, der als freier Theologe arbeitet.
Er bestand das Studium mit der Note 1,3 und einem Empfehlungsschreiben: "Die Kirche wollte mich." Da habe er das Erlebte Revue passieren lassen und die Notbremse gezogen. Bekannte hätten ihn ermutigt, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Viele sprechen aus Existenzängsten nicht darüber." Die Kirche sei oft auch Arbeitgeber. "Für die möchte ich nun sprechen - und das elfte Gebot brechen."Extra

Das Priesterseminar St. Lambert äußerte sich in einer Stellungnahme: Es komme zu Verallgemeinerungen, die die Wirklichkeit verzerrten und dem Entstehen falscher Eindrücke Vorschub leisteten. Ein Sprecher sagte: "Das Buch wird der Ehrlichkeit und der Aufrichtigkeit, mit der viele Studenten ihren Ausbildungsweg gehen, nicht gerecht. Die Probleme, die Herr Bühling angeblich erlebt hat, hat er den Verantwortlichen gegenüber nie thematisiert." sek Daniel Bühling, "Das 11. Gebot: Du sollst nicht darüber sprechen: Dunkle Wahrheiten über das Priesterseminar", Riva Verlag, 224 Seiten, 19,99 Euro, ISBN-Nummer 978-3868833225.