Heidi und der Sonnenplatz

Der eine ist Hochwälder, der andere Holländer: Längst haben der 52-jährige Winny Schmitt aus Zerf und der 37-jährige Morris Frederiks aus dem holländischen Ort Gouda ihren Lebensmittelpunkt in Trier gefunden. Gemeinsam betreiben sie die Kneipe De Winkel in der Johannisstraße. Warum sie Trier lieben und was ihren Lieblingsplatz so attraktiv macht, darüber plaudern sie in unserer Serie.

"Wow", habe ich gedacht, als ich das erste Mal in Trier war. "Hier wohnt Heidi", schoss es mir durch den Kopf. Überall waren Berge. Denn für uns Holländer sind wir hier mitten in den Bergen. Der Liebe wegen, war ich damals nach Trier gekommen. In Griechenland, wo ich auf einem Campingplatz gearbeitet hatte, hatte ich eine Deutsche kennengelernt. Sie zog wegen ihres Studiums nach Trier und ich zog mit. Die Liebe verging, aber ich bin geblieben. Zum einen wegen meiner jetzigen Frau Rali, zum anderen weil ich die Stadt sehr attraktiv finde. Und weil ich mit Winny im ehemaligen Dietrichs ins Gespräch gekommen war. Der zufällige Plausch war schicksalhaft. Denn bald hatten wir entschieden, die alteingesessene Viez-Kneipe Johannisschänke an der Ecke Johannisstraße/Zuckerbergstraße zu übernehmen. 1998 haben wir alles renoviert und das De Winkeleröffnet. Die Tür ging auf und seitdem ist der Laden voll.Mein Zuhause

De Winkel heißt auf holländisch Geschäft und passt sich irgendwie auch gut dem Trierischen an. Winny und ich bedienen, kochen, dekorieren, plauschen und putzen seitdem nicht nur hier, wir bewohnen auch obendrüber zwei Wohnungen - ich und Rali im ersten Stock, Winny darüber. Und direkt um die Ecke ist unser Lieblingsplatz: auf einer Bank in unserem Biergarten, im Grünen, und das mitten in der Stadt. Aber Winny kann jetzt auch mal etwas zu unserem Lieblingsplatz sagen, schließlich sind wir gleichberechtigte Geschäftspartner und beste Freunde - 50:50. Es stimmt, was Morris sagt. Dieser Platz ist auch mein liebster, weil er Ruhe ausstrahlt und weil genau dieses Eckchen der einzige Flecken im Biergarten ist, an dem am Spätnachmittag die Sonne scheint. Mittags ziehe ich mich gerne auf diese zwei lauschigen Quadratmeter an der frischen Luft zurück und lese etwa geruhsam ein Buch. Zurzeit "Die Karten meiner Träume", eine faszinierende Geschichte über einen Jungen, der alles berechnet. Meine Träume versuche ich, weitestgehend zu verwirklichen. Manchmal auch auf Umwegen: Nach ein paar Anläufen Koch zu werden, habe ich beim Lambert Gärtner gelernt. Aber immer wieder hat es mich in die Gastronomie gezogen. Wohl weil meine Kindheit und Jugend vom elterlichen Betrieb, einem 70-Betten-Hotel, dem Waidmanns Ruh in Zerf, geprägt war. Dort hingen übrigens 80 Geweihe und es war ein beliebter Jägertreff. Und im Hochwald schließt sich auch der Kreis, denn damals hatten meine Eltern schon Verträge mit Holländern für die Sommerferien. Ob meine Kindheit, meine Lehre, das Betreiben der Musikkneipe Zündholz in Zerf oder Begegnungen, auch zufällige, all dies hat mich an den Platz gebracht, wo ich heute bin: hinter der Theke und in der Küche, inmitten einer tollen Stadt und einer tollen Familie, zu der ich auch Freunde zähle. Ich liebe es, einfache leckere Gerichte zuzubereiten und Kontakt mit den Menschen zu haben, die alle unterschiedliche Geschichten zu erzählen haben. Dabei ist mir auch sehr daran gelegen, Atmosphäre zu schaffen. Anfangs war ich beleidigt, wenn einige Gäste gesagt haben: "Wir gehen in unser Wohnzimmer." Das klang so antiquiert. Heute sehe ich es als Kompliment. Die Atmosphäre ist freundlich und gemütlich, aber manchmal kann sie auch explodieren, wenn die Leute spontan anfangen, zu tanzen. Und mein grüner Daumen hilft mir natürlich dabei, dass es rund um unseren Lieblingsplatz wächst und blüht. Während Morris sich auch gerne mal auf seinem schwarzen Hollandfahrrad an der Mosel entlang abstrampelt, sich dabei von Inlinern überholen lässt und mit hochrotem Kopf zurückkehrt, bevorzuge ich es, gemütlich in Zurlauben zu sitzen und auf die roten Felsen zu blicken. Oder ich gehe ins Theater, das ich klasse finde. Urlaub ist zwar auch mal ganz schön, aber ich freue mich immer wieder aufs Neue, wenn ich die Bitburger runterfahre und daheim bin.Aufgezeichnet von Katja Bernardy