1. Region
  2. Trier & Trierer Land

Heiner Geißler und das Problem mit Gelübden

Heiner Geißler und das Problem mit Gelübden

Er war CDU-Generalsekretär unter Helmut Kohl und gehörte vier Jahre lang dem Orden der Jesuiten an: Heiner Geißler. Am Donnerstagabend war der 84-Jährige zu Gast im Haus Beda. Im Rahmen von Herbert Fandels Gesprächsreihe "Einblicke" forderte er unter anderem die Abschaffung des Zölibats.

Bitburg. Heiner Geißler spricht gerade übers Bergsteigen, als plötzlich Michael Billen ins Spiel kommt. "Bergsteigen", sagt Geißler, "Bergsteigen, das ist Kunst. Ich wäre gerne Bergführer geworden."
Der frühere CDU-Generalsekretär und Bundesfamilienminister sitzt am Donnerstagabend auf der Bühne im Bitburger Haus Beda. Ihm gegenüber Kulturamtsleiter Herbert Fandel. Er hat Geißler in die Eifel eingeladen. Der Grund: Fandels Gesprächsreihe "Einblicke", in deren Rahmen er seit 2010 Persönlichkeiten interviewt.

275 Zuhörer im Haus Beda


Das Gespräch ist gerade 15 Minuten alt, als Geißler davon berichtet, dass er auch früher oft mit der ganzen Familie in den Bergen unterwegs war. "Meinen Kindern hat das so viel Spaß gemacht, die kamen gar nicht auf die Idee, in die Disco zu gehen."
Ob es denn Parallelen gebe, zwischen der Politik und dem Bergsteigen, will Fandel daraufhin wissen. "Natürlich", antwortet Geißler, "und das sind nicht nur die Seilschaften." Die 275 Zuhörer im ausverkauften Haus Beda lachen. Auch der CDU-Landtagsabgeordnete Michael Billen, der in der ersten Reihe Platz genommen hat, lacht - während Geißler ihm zuzwinkert. "Wieso schauen Sie gerade jetzt Michael Billen an?", fragt Fandel daraufhin lachend bei Geißler nach. "Nein, nein", betont Geißler, "Michael Billen ist kein Seilschafter, er ist ein Solitär." Der Saal klatscht und Billen lacht. Es geht humorvoll zu beim Gespräch zwischen dem Ex-Schiedsrichter und dem Ex-Generalsekretär ("ich war immer mehr General als Sekretär").
Es macht Spaß Geißlers Worten zu lauschen. Vielleicht ist seine ruhige und gelassene Art der Grund. Vielleicht aber auch das kurze "nicht wahr", das er vielen seiner Sätze hinterherschiebt. Ganz bestimmt aber ist es seine authentische Art, die seinen Erzählungen zugrunde liegt. Das, was er sagt, hat Fundament. Man nimmt es ihm ab, weil der mittlerweile 84-Jährige seine Ansichten mit eigenen Erfahrungen untermauern kann.
Ein gutes Beispiel dafür ist seine Forderung nach der Abschaffung des Zölibats. "Die katholische Kirche sollte ihren Priestern erlauben, zu heiraten. Sie würde sich damit einen großen Dienst erweisen." Mit dem Evangelium habe das Zölibat jedenfalls nichts zu tun. Teile des Saals applaudieren, andere halten sich mit Zustimmung in diesem Punkt zurück.
Aber Geißler kann solche Forderungen äußern, er weiß, wovon er spricht: Nach seinem Abitur ist er in den Jesuitenorden am Kloster St. Blasien im Schwarzwald eingetreten. "Ich habe bei den Jesuiten gelernt, keine Furcht zu haben, selbstständig zu sein und Gutes zu tun für die Gesellschaft", berichtet der in Oberndorf am Neckar geborene Geißler.
Dennoch habe er sich nach vier Jahren entschlossen, wieder aus dem Orden auszutreten. Der Grund: die abzulegenden Gelübde Armut, Keuschheit und Gehorsam. "Ich habe gemerkt, dass ich zwei der drei Punkte nicht einhalten konnte - und Armut gehörte nicht dazu", gesteht er und schmunzelt.
"Kein normaler Politiker"


Sehr ernst und verbindlich wirkt Geißler immer dann, wenn er auf den Begriff Solidarität zu sprechen kommt. Es ist so etwas wie seine Kernbotschaft des Abends. Die Gesellschaft müsse wegkommen von der "Geiz ist geil"-Mentalität hin zu mehr Solidarität. "Das Bewusstsein muss sich verändern: Wir müssen wieder solidarischer werden", so seine Forderung. Eine Forderung, die bei Sophia Marquardt, Ann-Christin Langenberg und Carlota Memba Aguado ankommt. Die drei besuchen das staatliche Eifelgymnasium in Neuerburg und sind mit ihrem Leistungskurs Sozialkunde zu Besuch im Haus Beda. "Herr Geißler wirkt nicht wie ein normaler Politiker, er sagt genau das, was er denkt und kommt so sehr authentisch rüber", sagt Sophia Marquardt nach Ende der Veranstaltung. "Wir haben uns vorher mit seinem Lebenslauf im Unterricht beschäftigt, der ist beeindruckend", so die Schülerin.