Helenenberg - Ziel nach langer Reise

Kordel/Welschbillig · Eine besondere Schulstunde haben Kordeler Grundschüler erlebt. Ein junger Somalier hat ihnen berichtet, warum er aus seinem Heimatland geflüchtet ist und was er dabei erlebt hat. Der 16-jährige Achmed ist ohne Eltern nach Deutschland gekommen. 240 andere Heranwachsende haben wie er in diesem Jahr eine erste Bleibe in der Jugendhilfeeinrichtung Helenenberg in Welschbillig gefunden.

 Der 16 Jahre alte Somalier Achmed berichtet Kordeler Grundschülern von der Flucht aus seinem Heimatland. TV-Foto: Harald Jansen

Der 16 Jahre alte Somalier Achmed berichtet Kordeler Grundschülern von der Flucht aus seinem Heimatland. TV-Foto: Harald Jansen

Kordel/Welschbillig. An Stammtischen wird immer wieder gesagt, dass das Boot voll ist und dass man wirklich niemand mehr aufnehmen kann, der aus seinem Land flieht. Wie voll so ein Boot mit Flüchtlingen sein kann, hat der 16-jährige Achmed aus Somalia bei einem Besuch in der Grundschule Kordel geschildert. Der junge Mann ist ein sogenannter alleinreisender unbegleiteter Flüchtling und hat auf dem Helenenberg ein Zuhause gefunden (siehe Extra).

120 Menschen in einem Boot


Mehr als 120 Menschen haben sich nach Achmeds Schilderung bei der Flucht übers Mittelmeer auf einem nur fünf Meter langen Boot gedrängt. Drei Tage lang dauerte die Reise von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa, sagt Achmed. Sein Vater hat die Reise nicht überlebt. "Das ist ja viel zu eng", sagt einer der Kordeler Grundschüler, der mit seinen Klassenkameraden versucht, die Bootsfahrt nachzuspielen. Dabei sind es nur rund 30 Jungen und Mädchen, die sich zusammen aufgestellt haben.
Dass die Jungen und Mädchen aus den Klassen 3 und 4 aus erster Hand etwas darüber erfahren, warum jemand nach Europa flüchtet, hat mit dem Projekt "Straße der Kinderrechte" zu tun (der TV berichtete). Bei der vom Jugendring Trier-Land organisierten Aktion wurden einzelne Kinderrechte auf Bildern festgehalten, die an der Grundschule Kordel aufgemalt worden sind. Zum Projekt gehörte auch, ein Spielgerät für den Schulhof anzuschaffen. Doch die Kinder verzichteten darauf und wollten rund 450 Euro lieber für Kinder spenden, denen es nicht so gut geht. Angela Schäfermeyer vom Jugendring hat daraufhin das Treffen mit den jungen Flüchtlingen arrangiert.
Gemeinsam mit Achmed sind auch Abdelahi und Mohammed nach Kordel gekommen. Sie sind erst wenige Wochen in Deutschland und sprechen noch kein Deutsch. Achmed lebt hingegen schon rund ein Jahr in der Eifel. Er berichtet den Schülern davon, dass in seinem Heimatland Somalia vieles verboten sei. Er durfte nicht Fußball spielen, die Schule habe er nur ein Jahr lang besuchen dürfen, ständig lebte er in Angst vor den Repressalien der Polizei. Spätestens zu diesem Zeitpunkt haben die jungen Kordeler ihre anfängliche Scheu abgelegt. Und als der 16-Jährige erzählt, dass seine Flucht ein Jahr lang dauerte und er in Libyen sieben Monate im Gefängnis saß, sind die Grundschüler beeindruckt. Mit den drei jungen Männern sind Gabriele Eckardt-Blasius und Marcel Weinand von der Jugendeinrichtung Helenenberg nach Kordel gekommen. Bereichsleiter Weinand sagt: "Im vergangenen Jahr hatten wir insgesamt 126 jugendliche Flüchtlinge ohne Begleitung im Alter zwischen 15 und 17 Jahren in der Einrichtung. Bis Anfang Dezember 2014 sind es bereits 240." Ein Großteil der Flüchtlinge bleibt nur ein paar Wochen dort.

Schulunterricht für Flüchtlinge


Eckardt-Blasius erklärt den Kordelern, was mit den Flüchtlingen geschieht, wenn sie auf den Helenenberg kommen. "Normalerweise haben die Jugendlichen nicht mehr als das, was sie auf dem Leib tragen. Sie bekommen etwas zum Anziehen, Duschgel und Zahnpasta." Viele sind krank und benötigen ärztliche Hilfe. "Und nach einem oder zwei Tagen bei uns beginnt für die Jungs der Schulunterricht", sagt sie. "Die Sprache ist der Schlüssel", sagt Achmed, der nur noch sporadisch Kontakt zu seiner noch in Somalia lebenden Mutter hat.
Nach rund einer Stunde heißt es dann wieder Abschied nehmen. Für die Grundschüler geht der Unterricht in Kordel weiter, für Achmed geht es zum Lernen zurück zum Helenenberg.
Abdelahi und Mohammed hingegen müssen weiter nach Trier, wo bei Gericht Vormundschaftsfragen geklärt werden müssen. Einen Vormund brauchen sie, bis sie 18 Jahre alt sind. Was dann aus ihnen wird und ob sie für immer in Deutschland bleiben dürfen? Das kann derzeit niemand sagen.
Extra

Die zentrale Anlaufstelle für weibliche unbegleitete minderjährige Flüchtlinge befindet sich in Niederwörresbach, die für männliche im Jugendhilfezentrum Don Bosco Helenenberg. In den beiden Einrichtungen werden die 16- und 17-jährigen Asylsuchenden betreut, ehe sie nach durchschnittlich sechs bis zwölf Wochen im ganzen Land verteilt werden. Einige Heranwachsende werden über diese erste Phase hinaus in der Einrichtung weiterbetreut. In Niederwörresbach werden auch Flüchtlingskinder unter 16 Jahren betreut, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind. Die Zahl der Flüchtlinge ist stark gestiegen. har

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