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Hellichter Tag - und keiner hilft

Hellichter Tag - und keiner hilft

Mit gebrochenem Fuß musste sich eine Frau aus Oberstedem eineinhalb Kilometer weit schleppen - weil niemand bereit war, ihr zu helfen.

Oberstedem/Bitburg. "Jedes Mal, wenn ich daran denke ", sagt Magret Bowen, schüttelt den Kopf, und bricht den Satz ab. Sie sitzt in ihrer Küche. Eine kleine Katze kommt herein und schnuppert an den Krücken. Die sind neu in ihrem Revier, denn das Frauchen ist gerade erst aus dem Krankenhaus gekommen. Magret Bowen hat sich vor einer Woche den Fuß gebrochen. Doch das ist es nicht alleine, was die 49-Jährige traurig macht. Traurig und wütend. "Ich glaube, ich habe es nur aus Wut geschafft, bis nach Hause zu kommen", sagt sie.

An dem Tag, als sie sich den Fuß gebrochen hat, war sie spazieren. Es war Sonntag, schönes Wetter. Vielleicht würde sie ja etwas Hübsches für die Blumenvase finden, dachte sie und machte sich von Oberstedem auf in Richtung Masholder, spazierte in einem Wäldchen und kürzte den Rückweg über einen Feldweg ab. Dort stürzte sie, weil sich ihr Fuß in einer von Gras überwucherten Vertiefung verfangen hatte. Der Knöchel schwoll stark an und tat sehr weh. Den Walking-Schuh musste sie ausziehen. Was nun? Ein Handy hatte Bowen nicht dabei.

Sie würde die paar hundert Meter runter zur Straße müssen, um dort Hilfe zu rufen. Unter großen Schmerzen humpelte, hüpfte und kroch sie bis zur Straße. Die ist zwar klein, aber dennoch gut befahren, weil es sich um die kürzeste Verbindung von Stedem nach Bitburg handelt. Ein erstes Auto kam. Nassgeschwitzt, die Kleidung voller Matsch, Tränen im Gesicht, winkte Bowen mit dem Schuh, den sie in der Hand hielt. Das Auto fuhr vorbei. Darin habe eine Frau gesessen. Ein zweites Auto kam. Die Verletzte winkte. Darin saßen mehrere Menschen. "Die sind vorbeigefahren, haben sich umgedreht und zurückgegafft", sagt sie. Ein drittes, ein viertes Auto fuhr an ihr vorbei. Also schleppte sie sich die eineinhalb Kilometer zurück ins Dorf. Fuß gebrochen, Bänder gerissen. Die Sanitäter schimpften, dass sie gelaufen war. "Was hätte ich sonst machen sollen?", fragt Bowen. Blumen hat sie an diesem Tag keine gefunden. Dafür die traurige Erkenntnis, wie gleichgültig Mitmenschen sein können. Was meinen Sie zu diesem Thema? Mailen Sie uns Ihre Meinung mit Namen und Wohnort an eifel-echo@volksfreund.de



Meinung

Gleichgültigkeit ist schlimm

Eine verletzte Frau sucht offensichtlich Hilfe, und ein Auto nach dem anderen fährt an ihr vorbei. Die Geschichte, die Magret Bowen zu erzählen hat, spielt nicht in einer Großstadt, wo das Elend die Menschen abstumpfen mag. Sie spielt in der beschaulichen Eifel und könnte jedem passieren. Traurig ist das. Und schwer zu entschuldigen. Selbst wer unsinnigerweise am hellichten Tag vor einer einsamen Frau Angst hat, hätte ihr helfen müssen, und sei es nur durch einen Anruf. Solche Gleichgültigkeit ist schlimm. Nicht nur, weil sie uns als nächste treffen könnte. k.hammermann@volksfreund.de