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Heute so aktuell wie vorgestern

Trier. "Ich kann die Bühne nicht vom Leben trennen", sagt Claire Waldoff, dargestellt von Katja Büdinger, in der Revue "Das Schmackeduzchen". Das ist angesichts der aktuellen Thematik des Werks rund um Zensur, Satire und rechtsextreme Tendenzen auch gar nicht möglich. Am kommenden Donnerstag feiert das Stück Premiere. Rebecca Schaal

Trier. Worte und Mimik wollen einfach nicht zusammenpassen. Sie singt "Hollahi" und "Hollaho", doch so fröhlich-friedlich sieht es in ihrem Inneren augenscheinlich nicht aus. Die Unterlippe zittert vor Wut und Trotz - bis sie den Text mit gequältem Gesicht regelrecht herauspressen muss. "Da kann kein Kaiser und kein König was bei machen" heißt der Titel von 1915, die Musik ist angelehnt an ein altes Soldatenlied. Die Interpretin: Sängerin und Kabarettistin Claire Waldoff (1884 bis 1957).
Eindrucksvoll dargestellt wird diese Diskrepanz zwischen Text und Mimik, zwischen Vernunft und Gefühl von Katja Büdinger - Hauptdarstellerin der "(un-)biografischen Revue Das Schmackeduzchen", die am Donnerstag, 19. Mai, im Kasino am Kornmarkt Uraufführung feiert. Büdinger, gebürtige Saarburgerin, verkörpert Chansonnière Claire Waldoff, die im Berlin der 1920er Jahre große Erfolge feiert. Eine Künstlerin, die unterhalten will. Eine Frau in einer lesbischen Beziehung, die zwar aneckt und auffällt, nach heutigem Maßstab aber nie zu viel - und zu ihrer Zeit doch genug, um von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels 1936 persönlich mit einem Auftrittsverbot an den großen Berliner Häusern belegt zu werden. Ein entscheidender Einschnitt in ihrer Karriere. Sie verlässt Berlin, aber sie geht hoch erhobenen Hauptes.
"Claire Waldoff war keine Revolutionärin", sagt Karsten Müller, Autor und Regisseur des Stücks. Wohl aber politisch denkend, gesellschaftskritisch und emanzipiert ("Raus mit den Männern aus dem Reichstag"). Und eng befreundet mit Maler Heinrich Zille sowie Schriftsteller Kurt Tucholsky, der unter dem Pseudonym Theobald Tiger auch Liedtexte für Waldoff schrieb. Sein Leitgedanke "Was darf Satire? Alles." zieht sich wie ein roter Faden durch "Das Schmackeduzchen". Was die Macher nicht ahnen konnten: Sie wurden während der Proben wegen des Streits um Jan Böhmermann und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan "von der Satirethematik überrollt", wie Regisseur Müller sagt. Das Stück sei zudem ein klares Bekenntnis gegen Rassismus und das Erstarken der rechten Parteien.
Obwohl es im "Schmackeduzchen" um das Leben Claire Wal-doffs geht, ist es kein biografisches Werk. "Wir haben nur wenige Dinge wörtlich aus ihrer Biografie übernommen. Es ist mehr ein: So könnte es gewesen sein." Auch handele es sich nicht um einen Liederabend, obwohl "es einen starken Gesangsanteil" gibt. Büdinger lernte eigens für die Revue Stepptanz, die Choreographie erarbeitet hat Monika Wagener-Wender (Tufa Tanz).
Einen facettenreichen Menschen darzustellen, der wirklich existiert hat - das sei die große Herausforderung, sagt Büdinger, die seit Anfang März dreimal pro Woche probt - Tanz- und Stimmtraining noch gar nicht mitgerechnet. Und eine Persönlichkeit wie die Waldoffs schüttelt man nicht einfach ab. "Manchmal denke ich im Alltag: Wie hätte Claire jetzt reagiert?", sagt Büdinger. Dreimal wird sie Waldoff im Kasino am Kornmarkt verkörpern, zweimal in der Tufa.
Besonders das Ambiente im Kasino mit Bar, Kronleuchtern und rotem Samt hat es den Beteiligten angetan. Müller: "Hier ist alles schon gegeben, was wir woanders erst aufwendig hindekorieren müssten."
"Das Schmackeduzchen" wird am Donnerstag, 19. Mai, 19.30 Uhr, im Kasino am Kornmarkt uraufgeführt. Die weiteren Termine an dieser Spielstätte: Sonntag, 22. und 29. Mai, jeweils um 19.30 Uhr. In der Tufa Trier ist die Revue am Mittwoch, 4. und 11. Juni, jeweils um 20 Uhr zu sehen. Tickets gibt es in den TV-Service-Centern Trier und Bitburg, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie auf <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund.de/tickets" text="www.volksfreund.de/tickets" class="more"%>
Extra

Das Schmackeduzchen: Wer mit diesem Wort auf Anhieb etwas anfangen kann, der dürfte aus Berlin und Umland kommen. Denn der Begriff stammt aus Ostpreußen und wurde dort übernommen. Er bezeichnet den Rohrkolben des Schilfgrases und diente Claire Wal-doff als Titel eines ihrer Lieder. Nun kommt eine weitere Bedeutung hinzu: Bei der Aufführung der Revue wird eine Süßigkeit mit dem Namen Schmackeduzchen angeboten. Die Beteiligten: Katja Büdinger spielt Claire Waldoff, Johannes Metzdorf (bekannt durch die Rolle des Pieritz in den "Heimat"-Filmen von Regisseur Edgar Reitz) übernimmt in der Revue die männlichen Rollen. Die Choreographie stammt von Monika Wagener-Wender (Tufa Tanz). Klauspeter Bungert übernimmt die Klavierbegleitung, die Rolle des Stimmcoachs hat Claudia Dylla inne. Das Werk verfasst hat Karsten Müller, er ist zugleich Regisseur der Revue. bec