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Hilfe, unser Dialekt stirbt aus!

Hilfe, unser Dialekt stirbt aus!

Richtig Platt sprechen, das können oft nur noch die Älteren. Einige Jüngere verstehen Mundart zwar noch, sprechen können es aber die wenigsten. Doch es gibt Hoffnung: An der Kaseler Grundschule steht das Moselfränkische neuerdings auf dem Stundenplan. Ein Unterrichtsangebot, das bisher einzigartig in der gesamten Region ist.

Angestrengt spitzt der neunjährige Nils die Ohren, kneift die Augenbrauen zusammen und streckt seinen Kopf nach vorne. Irgendwann runzelt er die Stirn. Daraufhin unterbricht Lehrerin Rita Albrecht den Dialekt-Film, den sie den Schülern in der Arbeitsgemeinschaft (AG) Mundart an der Mertesdorfer Grundschule vorspielt. Nils hebt die Augenbrauen und schüttelt den Kopf: "Ich habe kein Wort verstanden", gibt er zu. Noch am selben Tag beschließt der Drittklässler, die AG zu wechseln. Niemand aus seinem Umfeld spricht Dialekt. Die Kaseler "Heimatsprache" ist für ihn schlichtweg eine Fremdsprache. "Eigentlich wollte ich ja gute Ausdrücke lernen", grinst er verschmitzt.

Wenn auch nicht alles, aber etwas mehr aus dem Film hat der achtjährige Joel verstanden. Seine Mutter arbeitet in einer Arztpraxis und fährt oft zu Hausbesuchen raus. Gerade bei den älteren Patienten finde sie es wichtig, die Leute auf "Platt" anzusprechen, berichtet Joel. "Meine Mama bringt mir immer viele Wörter von der Arbeit mit", sagt er stolz. Was "Kromberenschniedscha" (Kartoffelpfannkuchen) sind, weiß der Junge mittlerweile. Zu der Handvoll Kinder, die fast alles aus dem Film verstanden haben, gehört Drittklässlerin Melina, das einzige Mädchen in der zehnköpfigen AG. Ihre Oma spricht Dialekt, daher kennt sie die Sprache: "Der Film war sehr lustig und cool", sagt sie.

Dennoch: Lehrerin Albrecht, die im Halbjahresrhythmus die Mundart-AG an der Grundschule in Kasel anbietet, sieht mittlerweile eher schwarz: "Ich glaube, es ist zu spät", sagt sie. "Unser Dialekt wird aussterben. Die Kinder sind einfach schon zu weit weg. Es geht nur noch darum, die vorgegebenen Wörter zu verstehen." Dass die Kinder das "Platt" auch richtig sprechen lernen, erscheint ihr als unerreichbares Ziel. Dazu meint Schulleiterin Sonja Sommer: "Ich glaube auch nicht daran, dass wir es schaffen können, dass sich die Kinder auf Dialekt unterhalten."

Dennoch will sie weiter kämpfen: "Wir werden die Mundart-AG in jedem Fall weiterhin anbieten. Demnächst sogar schon ab dem ersten Schuljahr", verspricht sie. Außerdem will Sommer das Kaseler Platt so oft wie möglich mit in das Schulgeschehen einbauen. So berichtet sie zum Beispiel davon, dass in Kasel die Kinder an Fastnacht von Haus zu Haus ziehen und mit Mundartsprüchen Süßigkeiten fordern. Auch die zu Ostern anstehenden "Raspelsprüche" sollen im Unterricht aufgefrischt werden. Außerdem erzählt die Schulleiterin von einer sehr erfolgreichen Veranstaltung, zu der die "Omas und Opas" in die Schule eingeladen waren, um auf Mundart von ihrer Jugend zu erzählen. "Das hat den Kindern und den Senioren gleichermaßen Spaß gebracht", sagt sie. Sommer findet es wichtig, dass die Kinder ein Gefühl für den Dialekt entwickeln.

"Wer Interesse an der heimatlichen Mundart hat, kann sich besser mit seinem Dorf identifizieren", sagt sie. Aber die Schulleiterin sieht auch, dass man mit einer einzigen Unterrichtsstunde in der Woche keine Sprache "retten" kann. Ihrer Ansicht nach müssten sich viel mehr Menschen um den Erhalt ihrer Heimatsprachen kümmern. "Es macht ja keiner was", sagt sie. "Wir alleine können den Dialekt nicht retten."

EXTRA

MOSELFRäNKISCH



Die Grundschule Mertesdorf/Kasel ist offenbar die einzige in der Region, an der Mundart unterrichtet wird. Weder in der Verbandsgemeinde (VG) Trier-Land, noch in der VG Schweich wird Dialekt an den Schulen gefördert, wie eine TV-Umfrage ergeben hat. Fragt man bei den über 30-Jährigen, so plädieren fast alle für Aktivitäten zum Erhalt der Mundart. 2011 bietet die Kreisvolkshochschule (KVHS) Trier-Saarburg Luxemburgisch-Kurse in Konz, Saarburg und Schweich an. Das Großherzogtum gibt der KVHS einen Zuschuss zu den Dozentenhonoraren. Als Luxemburgisch-Dozenten sind bei der VHS in Konz Luc Schiltz, bei der VHS Saarburg Hendrik van den Bulcke und bei der VHS Schweich Mario Block tätig. alf