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Hinter Köln wird’s ganz schön einsam

Hinter Köln wird’s ganz schön einsam

BERLIN/TRIER. Wer ein exklusives Bahnfahrt-Erlebnis sucht, dabei gerne möglichst ungestört sein möchte und viel Zeit hat, dem sei die Intercity-Verbindung zwischen Trier und Berlin empfohlen – so lange sie noch besteht . . .

Es gibt Dinge, die muss man mal erlebt haben. Deshalb reist der TV-Redakteur nach dem Einsatz bei der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) nicht mit dem Flieger zurück, sondern mit dem Intercity-Express 846. Seit 11. Dezember 2005 verbindet der Hochgeschwindigkeitszug beide Städte umsteigefrei - maßgeblich auf Betreiben des CDU-Bundestagsabgeordneten Bernhard Kaster. Täglich um 5 Uhr fährt der ICE in Trier ab, kurz vor 16 Uhr startet er in der Hauptstadt in die Gegenrichtung. Fahrzeit des "Kaster-Transports": je acht Stunden. Jede andere ICE-Verbindung bringt einen trotz Umsteigens schneller ans Ziel. "Trier" prangt auf den Anzeigetafeln im Bahnhof Zoologischer Garten. Das tut dem Lokalpatrioten gut nach allem, was Berliner Taxifahrer so über die Heimat abgesondert haben: "Trier? Kenn ich! Ihr seid doch letztes Jahr abgestiegen." Viel origineller wird es im Zug (zu 80 Prozent besetzt) zunächst aber auch nicht. "Volksfreunde - das sind wir doch alle", strahlt der Schaffner beim Blick auf das mit der TV-Bahncard gebuchte Ticket (1. Klasse, Regulärpreis 160,55 Euro). "Nicht immer, aber immer wieder", entgegnet der Fahrgast von der Mosel artig und erntet ein Lob: "Guter Spruch! Merk ich mir." Nach gut 20 Minuten Fahrt kommt echtes ICE-Gefühl auf. Auf halber Strecke nach Wolfsburg weist die Geschwindigkeitsanzeige auf den Displays des Großraumwagens 220 Kilometer auf. Bei Bielefeld werden's später sogar satte 250. In Hannover der CeBIT-Effekt. Viele Fahrgäste verlassen den Zug, etwa ebenso viele steigen ein. "Zugteilung" in Hamm-Westfalen. Eine Hälfte fährt über Hagen und Wuppertal nach Köln-Hauptbahnhof, der Trierer Teil nimmt den nördlichen Bogen über Duisburg. Mit 121 Stundenkilometern an Föhren vorbei

Dort scheint es kritisch zu werden. "Unsere Weiterfahrt verzögert sich um einige Minuten. Wir bitten um etwas Geduld", klingt es aus den Bordlautsprechern. "Nein. Nicht schon wieder", flucht jemand. "Beim letzten Mal hat das zwei Stunden gedauert." Diesmal nicht. Nach drei Minuten rollt der ICE wieder an. Hinter Düsseldorf erreicht er nochmals Ü200-Tempo - und dann setzt der große Exodus ein. Die seit Essen stark gelichteten Reihen werden noch leerer. Ab Köln-Deutz befinden sich noch ganze fünf Leute in der 1. Klasse (105 Plätze). Bei zweien kommt Panik auf, weil offenbar kein Gastro-Personal mehr an Bord ist. "Keine Bange", beruhigt ein Schaffner; "Meine Kollegen und ich übernehmen den Verkauf." Einen "Preisvorteil-Hinweis" gibt es auch: Ein Sandwich plus Getränk kosten zusammen 5,20 Euro. Ersparnis gegenüber dem Einzelkauf: 1 Euro. Zur planmäßigen 20-minütigen Fahrpause in Koblenz gesellt sich eine weitere Verzögerung: "Wir warten auf Anschluss-Reisende aus Frankfurt und Mainz." Seltsam: Der Zug aus Süden kommt an, aber von Umsteigern keine Spur. Gegen 22.30 Uhr geht auf es die finale Etappe. Vor Cochem ein unverhofftes Lebenszeichen der Geschwindigkeitsanzeige: 107 km/h! Schneller darf der völlig unterforderte ICE hier nicht fahren. Bei Föhren zeigt der Digital-Tacho 121 km. Das bekommen in der 1. Klasse nur noch zwei Leute mit. Die anderen sind in Cochem und Wittlich ausgestiegen. Pünktlich zur Geisterstunde erreicht der Geisterzug (insgesamt 368 Plätze) Trier - mit 15 Passagieren. "Och, wir hatten schon weniger", meint der Schaffner und plaudert aus dem Nähkästchen: "Das rechnet sich hinten und vorn nicht. Ich glaube nicht, dass dieser ICE den nächsten Fahrplanwechsel überlebt." Fein, denkt der Rückkehrer. Aber ich kann eines Tages meinen Enkeln erzählen, dass ich mal im ICE von Berlin nach Trier gefahren bin. Sprichwörtlich in einem Zuge, ohne lästiges Umsteigen, dafür aber mit ganz viel Platz. Die acht Stunden Fahrzeit werde ich lieber verschweigen.