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Hitze-Extreme verändern den Garten

Garten : Schatten schaffen!

Ein Besuch in einem besonderen Luxemburger Garten bringt Anregungen für mehr „Kühle“ hinterm Haus – Farne und Funkien lassen grüßen.

Urlaub im Garten ist ein reizvolles Versprechen. Einst versteckte sich dahinter die Idee, mediterranes Flair auf die Terrasse zu holen und einer schwelgerischen Lust an allem Blühenden im Sonnenschein zu frönen. Jetzt tritt immer häufiger der Wunsch nach erholsamen Schattenplätzen in den Vordergrund.

Der Garten von Gilbert und Martine Folschette im luxemburgischen Leudelange verleiht dieser Sehnsucht Ausdruck, und das auf die denkbar schönste Weise. Vor 36 Jahren zog die Familie in das im Landhausstil erbaute Haus. Eine Gartengestalterin entwarf einen ersten Plan für den Garten. Mit einer Englandreise kam das Rosenfieber. Es folgte eine Leidenschaft für Clematis. Die „Must haves“ der Gartengehölze von A wie Ahorn bis Z wie Zaubernuss kamen hinzu.

„Jetzt mag ich Schattenpflanzen“, sagt Gilbert Folschette. Das ist nicht nur eine logische Folge der größer gewordenen Gehölze, die den Garten schattiger machen als zu Beginn der Gartenleidenschaft. „Man ändert sich mit den Jahren und damit auch die Vorlieben.“

Vor allem aber hat sich das Klima geändert. Anhaltende Schönwetterlagen lassen uns mehr Zeit im Freien verbringen. Aber bitte nicht in praller Sonne! In den neuerlichen Hitzeperioden gibt es nichts Angenehmeres, als in einen kühlenden Schattengarten zu treten.

Was für ein Wandel: Früher galt Schatten eher als Problembereich und schaffte es sogar auf metaphorischer Ebene in den allgemeinen Sprachgebrauch – nicht von ungefähr spricht man von den Schattenseiten des Lebens – sieht man ihn mit zunehmenden Hitze-Extremen als Gewinn. Jeder begrünte Bereich wirkt wie eine Kühlzelle und setzt der Erwärmung etwas entgegen. Trockene Wachstumsbedingungen erfordern neue Formen des Gärtnerns. Wie man auf die Herausforderung reagieren kann, versuche ich in dem gewachsenen Garten Folschette herauszufinden.

Vom sonnigen Vorgarten ganz in Weiß, dessen Silberbirne ebenso auf die Standortbedingungen abgestimmt ist wie Spanisches Gänseblümchen oder die weißblühende Moschata-Rose ‘Musquée sans souci’, geht es unter einer Pergola aus Cortenstahl hindurch in den Gartenteil hinter dem Haus. Schon der Weg dorthin ist das reinste Schattenerlebnis. Wo gefiltertes Licht durchfällt, ist die Atmosphäre an einem heißen Tag nicht nur angenehmer. Die Sonnenstrahlen zaubern stimmungsvolle Licht- und Schattenspiele in den Gartenraum. Auf sonnigen Plätzen fehlen solche natürlichen Lichtinstallationen. Projektionsfläche bildet das schöne Blattwerk der Pflanzen.

„Es kommt nicht nur auf die Blumen an“, weiß der Pflanzenkenner. Blütezeiten sind oft nur kurz. Das Blattwerk dagegen wirkt über einen langen Zeitraum. Funkien oder Hosta, wie sie mit ihrem botanischen Namen häufig auch genannt werden, präsentieren eine besondere Vielfalt an Blattfarben und Zeichnungen.

Ein Großteil der teils imposanten Funkien-Sorten wie der gelblaubigen Sum and Substance stehen in großen Terrakotta-Töpfen. „In den Gefäßen geht das viel besser als ausgepflanzt. Man muss die Hostas in heißen Sommern zwar jeden Tag gießen und viel – nicht nur einen Liter – aber das Wasser läuft nicht einfach weg, wie bei den ausgepflanzten Exemplaren im Garten“, weiß der Funkiensammler aus Erfahrung.

Weit über 100 Sorten hat er zusammengetragen. In der Natur kommen geschätzte 50 Arten vor. Die Anzahl der von Menschen daraus gezüchteten Sorten soll mittlerweile über die 10.000 gehen.

„Niagara Falls ist eine meiner Lieblinge“, verrät der botanisch versierte Luxemburger. Besondere Sorten findet er auf Pflanzenmärkten. Die ausgefallensten entdeckt er in Belgien, wo es eine Funkiengärtnerei mit dem bezeichnenden Namen Hostafolie gibt. Verrückt sein nach Funkien, ist das eine. Sie ansprechend zu arrangieren, das andere. „Das kann meine Frau“, meint der Hosta-Freund mit Blick auf die hübsch zusammengestellten Reihen auf einer Etagere. Martine Folschette war an der Kunstakademie Trier. „Für sie ist der Garten ein Bild. Für mich ist es auch eine Sammlung.“

Zu der Liebhaberei gehören seit einiger Zeit die Farne. In allen Wuchsformen schaffen die urweltlichen Pflanzen vom filigranen Bodendecker Pfauenradfarn über die trichterförmigen Schildfarn-Wedelhelden bis zum majestätischen Solitärfarn des Japanischen Staußenfarns Waldatmosphäre.

In diesem Zusammenhang fällt der Begriff der Stumpery. Der „Wurzel-Garten“, in dem alte Wurzeln, Baumstümpfe und Totholz in Schattenpartien arrangiert werden und insbesondere Farnen einen naturnahen Lebensraum geben, hat prominente Vertreter. Prinz Charles etwa besitzt im englischen Highgrove eines der schönsten Beispiele. Wie er erkennen immer mehr Gartenbesitzer, dass sich in den Nischen des langsam vergehenden Holzes die besten Pflanzplätze für Waldstauden bieten. Das vermodernde Holz speichert Wasser und liefert Humus.

Auch Gilbert Folschette lässt totes Holz jetzt immer häufiger liegen. „Das ist auch schön.“ Neben einer Ästhetik, die man noch in der Barockzeit mit dem Vanitas-Motiv der Vergänglichkeit charakterisiert hätte, hat das Totholz einen hohen ökologischen Nutzen. Viele Käferarten und Wildbienen sind auf totes Holz angewiesen. Holzbienen, die man mit der Klimaerwärmung in Mitteleuropa immer häufiger sieht, legen ihre Brutnester in alten Käfergängen an. Und auch andere Insekten nutzen die Hohlräume. Mit der Zeit finden sich im Altholz viele räuberisch lebende Insekten ein, die Schadinsekten im Garten jagen. Für den Gärtner ist das eine Win-Win-Situation.

Eine ebenso wichtige Rolle im Naturkreislauf spielen die lebenden Gehölze. Sie sind die Säulen des Schattengartens. Gilbert Folschette, der sich im Laufe der Jahrzehnte ein enormes botanisches Wissen angeeignet hat, entdeckte eine spezielle Form der Gestaltung für sich: „Hier am Perlmuttstrauch, der Kolkwitzia ambilis, schneide ich unten alles weg. Da will ich durchschauen.“

Der sogenannte Transparenz-Schnitt macht Bäume und Sträucher luftiger. Entwickelt hat ihn die aus Norwegen stammende Prinzessin Greta Sturdza (1915-2009), die im Jardin Le Vasterival den schönsten Waldgarten Frankreichs schuf. Wie im Garten Folschette sind alle Etagen des Gartens begrünt. Es gibt hohe, mittelhohe- und niedrige Bäume, Sträucher, Stauden, Bodendecker und Zwiebelblumen. Dazwischen hangeln sich Kletterpflanzen hoch.

Die so übereinander gesetzten Pflanzen vermitteln die erwünschte Atmosphäre eines dschungelartigen Freiluftraums, konkurrieren aber um Licht und Regen. Durch den speziellen Schnitt bringt man Einklang in die Lebensgemeinschaft. Transparenz-Schnitt orientiert sich an der natürlichen Wuchsform des jeweiligen Gehölzes, lässt aber mehr Licht und Luft ins Unterholz. Durch das behutsame Auslichten entstehen zudem interessante grafische Strukturen der Äste und Stämme. Rindenmaserungen treten in den Wintermonaten in den Vordergrund.

 Gilbert Folschette liebt Gehölze mit luftigem Aufbau. Für ein schöneres Bild schneidet er beim Weißbunten Etagen-Hartriegel (Cornus alternifolia ‘Argentea’) schon mal Zweige weg.
Gilbert Folschette liebt Gehölze mit luftigem Aufbau. Für ein schöneres Bild schneidet er beim Weißbunten Etagen-Hartriegel (Cornus alternifolia ‘Argentea’) schon mal Zweige weg. Foto: Kathrin Hofmeister
 Ein Schattengang seitlich des Hauses bietet sich für Funkien und Farne an.
Ein Schattengang seitlich des Hauses bietet sich für Funkien und Farne an. Foto: Kathrin Hofmeister
 Auf der Terrasse verbreiten Palmen exotisches Flair.
Auf der Terrasse verbreiten Palmen exotisches Flair. Foto: Kathrin Hofmeister
  Das Blattwerk panaschierter Kaukasusvergissmeinnicht hellt Schatten auf.
Das Blattwerk panaschierter Kaukasusvergissmeinnicht hellt Schatten auf. Foto: Kathrin Hofmeister
 Terracotta-Töpfe haben sich für Funkien bewährt und sind ein Hingucker.
Terracotta-Töpfe haben sich für Funkien bewährt und sind ein Hingucker. Foto: Kathrin Hofmeister
  Straußenfarn beeindruckt mit hohen Laubtrichtern und hellgrünen Wedeln.
Straußenfarn beeindruckt mit hohen Laubtrichtern und hellgrünen Wedeln. Foto: Kathrin Hofmeister

Man darf nicht vergessen, dass das persönliche Paradies der Luxemburger ein Vier-Jahreszeiten-Garten ist. In der Sommerzeit hat sich ein Reisebus einer Gartenstudienreise angekündigt. Man möchte wetten, dass die Teilnehmer an einem heißen Tag in einem Schattengarten wie diesem am liebsten Urlaub machen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Besuch an einem schattigen Plätzchen