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Hochwasser an der Sauer: Dramatische Situation in Ralingen und Wintersdorf

Hochwasser : Dramatische Situation an der Sauer: Spielplätze abgeräumt, um Sandsäcke zu füllen

In Ralingen werden mehr als 50 Häuser überschwemmt, in Wintersdorf gibt es eine heikle Rettungsaktion. Und dann kommt das Schlimmste: Abwarten, wie’s nach der Flut aussieht.

Alfred Wirtz rührt am frühen Nachmittag mit seiner Schuhspitze durch die Ölschlieren auf der Ralinger Dorfstraße. Gerade noch stand an dieser Stelle Wasser, nun fällt der Pegel. Endlich. Der Raliner Ortsbürgermeister seufzt. „Diese Suppe habe ich heute Abend in meinem Wohnzimmer.“ Bei früheren Hochwassern kam die Sauer allenfalls bis zur Terrasse. Als Wirtz in der Nacht seine Wohnung verlassen musste, hatte sie die Arbeitsplatte der Küche erreicht.

Das war die schwierigste Aufgabe der Nacht, erzählt eine Einsatzkraft: Die  Menschen zu überzeugen, dass es diesmal schlimm werden würde, richtig schlimm. „Wir mussten Menschen klarmachen, dass ihr Hab und Gut nicht mehr zu retten sein wird. Da sind etliche Tränen geflossen.“ An die 50 Häuser im Unterdorf seien evakuiert, schätzt der Einsatzleiter. „Wir sind noch nicht dazu gekommen, genau zu zählen.“

Am Ortsrand hatten die Ralinger ein weißes Festzelt aufgestellt, die Viertklässler feierten dort am Mittwoch ihren Abschied von der Grundschule. Jetzt ragt nur noch der Giebel aus der Sauer. Immerhin: Die Grundschule konnte am Morgen gerettet werden.

In der Ortsmitte liegen noch Sandsäcke an der Stelle, an der sie abgefüllt wurden. Ihre Verteilung: eine weitere Herausforderung für die Einsatzkräfte.  Wer ist zuerst dran, wer erhält wie viele? Wie verzweifelt sich die Suche nach Sand in der Nacht gestaltete, macht Jürgen Cordie deutlich, der Wehrleiter der VG Trier-Land: „Um weitere Säcke füllen zu können, haben wir die Spielplätze in Welschbillig und Aach abgeräumt.“

Eine Pflegerin schiebt eine Senioren im Rollstuhl durch die Straßen des Ralinger Oberdorfs. Auch die beiden mussten ihr Haus verlassen. Die demente alte Dame versteht nicht, warum sie nicht zurück nach Hause kann. „Ich gehe seit 6 Uhr mit ihr spazieren“, erzählt die Pflegerin. „Ich hoffe, dass die Situation für sie so einigermaßen erträglich ist.“

Das Warten ist das Schlimmste. Das ist am Donnerstag an der Sauer immer wieder zu hören.  Man verlässt sein Zuhause und weiß nicht, wie man es bei der Rückkehr vorfinden wird. Als Irmgard Pott an ihrem Haus in Wintersdorf zur Evakuierung ins Boot stieg, fehlten dem Pegel nur noch drei Treppenstufen bis zum Obergeschoss. Dorthin hatten sie und ihr Mann zuvor noch alle Möbel geschafft. Ob das reicht? Die beiden zucken die Achseln.

Die Einsatzkräfte in Wintersdorf stehen am Mittag um einen Pickup herum und bedienen sich an den Fleischwurstringen auf der Ladefläche, die ein Metzger spendiert hat. Viele von ihnen sind seit 30 Stunden im Einsatz. Sie erzählen von einer dramatischen Aktion am Morgen, als der Strom im Ort ausfiel – und mit ihm das Beatmungsgerät einer Wintersdorferin. Die Feuerwehr aus Igel barg die Frau schließlich mit einem Rettungsboot.  

Die Männer am Pickup gehören zu den Wehren aus Wintersdorf und Udelfangen, sie haben in der Nacht ein fünf Wochen altes Baby und seine Mutter in Sicherheit gebracht. Und um das Landgasthaus zum Klimmes gekämpft, Stunde um Stunde. „Am Morgen mussten wir dann das Wasser reinlaufen lassen.“ Frustrierend. Und die Aussichten machen es nicht besser: „Wenn nachher das Wasser abläuft, sieht es hier aus wie in Dresden 1945.“

Bei Mesenich steht ein älterer Herr am Ufer der Sauer, das von dieser Stelle normalerweise eine Kleingartenanlage entfernt liegt. Er blickt auf einige lilafarbene Blüten im Wasser: Kletterpflanzen, die Zäune umwuchern, von denen nichts mehr zu sehen ist. Nur ein paar Wellblechdächer zeugen von der Gartenanlage. In den 80 Jahren seines Lebens habe er wo etwas nicht erlebt, sagt der Mann. Ein mächtiger Baum kippte vor seinen Augen einfach um und trieb davon. 80 bis 100 Heu- und Strohballen hat er im Strom gezählt, Vorräte der Bauern für den kommenden Winter. Immerhin: Es sind weniger geworden in der letzten Stunde. Ein Zeichen dafür, dass das Hochwasser langsam zurückgeht: „Man sagt: Solange Treibgut kommt, steigt der Pegel.“ Seit heute Morgen stehe er hier, um zu begreifen, was passiert sei. „Ich kann es immer noch nicht fassen.“

In Metzdorf parken Wohnmobile entlang der Straße, sie wurden in der Nacht vom Campingplatz evakuiert. Das gelang nicht überall an der Sauer. In Rosport, erzählt der Ralinger Ortsbürgermeister Wirtz, sei das Wasser so schnell gekommen, dass Fahrzeuge von Campern in den Fluten trieben. Er deutet hinüber auf die andere Seite die Sauerbrücke, dort ragen die Gebäude des Campingplatzes aus dem Wasser. An normalen Tagen passieren Hunderte Menschen aus der Region diese Brücke nach Luxemburg. Jetzt verwehren rot-weiße Flatterbänder und ein Einsatzwagen der Polizei den Grenzübertritt. Zu nah reicht der Sauerpegel an die Fahrbahn heran, zu gefährlich wäre es, sie zu nutzen. Und der Bürgermeister, der erste grüne im Landkreis Trier-Saarburg, wird trotz der Sorge um seine eigene Wohnung grundsätzlich: „Diese Ereignisse zeigen, was klimamäßig los ist. Und dass wir uns nochmal grundsätzlich Gedanken machen müssen.“