Hospizarbeit in Trier – Die eigene Zeit mit Sterbenden teilen

Soziales : Hospizarbeit in Trier – Die eigene Zeit mit Sterbenden teilen

Ein Gruppe von zehn Frauen und Männern hat sich für ein ganz besonderes Ehrenamt entschieden, das jeden angeht.

Die Uhr tickt. Sie ist mal lauter, mal leiser zu hören, je nachdem wie intensiv die Gespräche im Seminarraum verlaufen. Aber das Ticken ist immer da, als wollte es daran erinnern, dass die Zeit endlich ist – eben auch die Lebenszeit des Menschen. Und genau deshalb sitzen die vier Männer und sechs Frauen im Stuhlkreis beim Malteser-Hilfsdienst in der Metternichstraße in Trier zusammen. Sie bereiten sich auf den Tod eines Menschen vor, den sie beim Sterben begleiten möchten. Wer das sein wird, wissen sie noch nicht. Sie könnten ihre Zeit auch mit einem Hobby oder einem Ehrenamt verbringen, das mehr mit dem Leben zu tun hat. Aber die Teilnehmer haben sich das Thema Sterben ausgesucht, wollen sich zum Hospizhelfer ausbilden lassen und haben einen Kurs der Malteser belegt – bei vielen resultiert die Motivation dafür aus dem Verlust eines Menschen, der ihnen sehr nahe stand.

An diesem Abend steht das Thema Trauer auf der Tagesordnung, und deshalb ist auch Petra Poetschke dabei. Die Trauerbegleiterin fragt in die Runde: „Wann haben Sie zuletzt getrauert?“ Bei vielen ist der Verlust eines Angehörigen oder eines Freundes noch gar nicht lange her. Christa Hillen hatte ihre 96-jährige Mutter bis zu deren Tod gepflegt und möchte nun einem anderen Menschen helfen. Eine andere Teilnehmerin hatte eine Freundin verloren, eine andere den Vater. Auch Oliver Kremer erfuhr zu Beginn des Jahres vom nahenden Tod eines Freundes: „ Es war mir wichtig, für ihn da zu sein“, sagt Kremer.

Jasmin Howard hat sich zunächst um eine krebskranke Nachbarin und deren Kinder gekümmert; das habe sich einfach so ergeben. Fortan hat das Thema die 35-Jährige aus Föhren nicht mehr losgelassen. In Amerika, wo sie eine Zeit lang lebte, hatte sie einen Kurs besucht und sich um viele Krebskranke und auch besonders um deren Kinder gekümmert. „ In Amerika habe ich auch die Arbeit mit Hospizhunden kennengelernt, das war sehr interessant“, erzählt die 35-Jährige. Ihre Erfahrung möchte sie im Hospizhelferkurs vertiefen.

Trauerbegleiterin Petra Poetschke selbst war 26 Jahre alt, als sie ihren Vater verlor, und 28, als ihr Mann starb. „Das war 1985 und damals gab es kein Hospiz und keine Trauerbegleitung“, erzählt sie.

Zwar war sie beim Tod ihres kleinen Bruders noch gar nicht auf der Welt, dennoch hat die Trauer ihrer Eltern um den kleinen Sohn auch das Leben von Dajana Frömberg stark beeinflusst, wie sie der Runde schildert. Ihre 80-Jährige Mutter trauere noch heute, Jahrzehnte später, sagt die Hospizkoordinatorin.

„Trauer ist nie zu Ende“, weiß Petra Poetschke. Trauern sei natürlich und normal und keine Krankheit. Es sei ein Prozess, der individuell verlaufe. Und: „Es ist eine menschliche Gabe. Nicht trauern zu können, macht krank“, sagt die Trauerbegleiterin. Auch Trauerbegleiter und Hospizhelfer können todtraurig sein, wenn der betreute Mensch dann schließlich gestorben ist. „Ihr seid im Trauerprozess dabei in der jeweiligen Familie“, sagt sie an die Teilnehmer des Kurses gewandt.

Bevor diese dann beginnen, Sterbende zu begleiten, stellt Dajana Frömberg erst mal den Kontakt her. „Wir schauen, wer in die Familie passt, sind beim Erstbesuch dabei und setzen die Ehrenamtlichen im Altenheim, im Hospizhaus, auf der Palliativstation oder eben im Zuhause des Sterbenden ein“, erklärt die gelernte Krankenschwester, die von einigen der Kursteilnehmer bei ihrem ambulanten Hospizdienst begleitet wird, so auch Peter Herrmann. Außerdem hat er im Hospizhaus Trier erste Erfahrungen gesammelt: „Am Anfang war ich unsicher, wie ich Menschen in dieser schwierigen Situation gegenübertreten soll. Aber schnell hatte ich das Gefühl, dass die Gespräche den Betroffenen gut tun, und man selbst lernt dabei auch, über die eigenen Befindlichkeiten nachzudenken“, sagt der 58-Jährige.

Hospizkoordinatorin Dajana Frömberg (rechts), die Trauerbegleiterin Petra Poetschke und Kursteilnehmer Oliver Kremer sprechen über Phasen der Trauer. Foto: TV/Maria Adrian

Auch Oliver Kremer hat im Rahmen des Kurses seine 16-stündige Hospitation im Hospizhaus absolviert. „Das waren sehr gute Gespräche von hoher Qualität, sehr inspirierend und sehr persönlich“, sagt Oliver Kremer über seinen Einsatz im Hospizhaus in Trier. Eine der Sterbenden habe alles sehr genau wissen wollen, wollte keine Zeit verlieren und keine Floskeln hören, sagt Kremer. Er habe Kurzgeschichten vorgelesen. Das Leid sei gar nicht so präsent gewesen, berichtet der 50-Jährige. Zunächst sei er auch etwas unsicher gewesen, sehr schnell aber fühlte er sich inspiriert, und es wurde ein intensiver Austausch im Gespräch mit den Todkranken, sagt der 50-Jährige. „Und außerdem reflektiert man dabei auch über sich selbst“. Und auch das findet er sehr wichtig. Kremer fühlt sich auch als angehender Hospizhelfer von den Maltesern sehr gut betreut.

Dajana Frömberg freut sich über das Vertrauen, das Menschen ihr und ihrer Arbeit entgegenbringen. Sie und ihre Kollegen wünschen sich, dass der Tod stärker ins Leben integriert wird. „Wichtig ist, dass Menschen früh genug Hilfe suchen, damit man sich schon länger kennt, bevor es ernst wird.  Die Menschen sollten sich zeitig im Leben mit dem Tod beschäftigen.“

Ein Interview mit Marianne Dratschmidt, die als Kinderhospizhelferin beim Verein „nestwärme“ Trier aktiv ist, gibt es hier.

Mehr von Volksfreund