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Hospizhaus Trier: Wie unheilbar an Krebs Erkrankte unterstützt werden

Schwerpunkt Krebs : Ein letztes Mal das Lieblingsgericht

Niemand muss allein sterben. Es gibt viele Angebote und sogar ein Recht darauf, damit das Ende leichter ist. Auch für Angehörige.

Vor der Tür liegt eine gelbe Rose. Ein Zeichen, dass ein Gast in diesem Zimmer gestorben ist. Gast, so nennen Margit Keller und das Team vom Hospizhaus in Trier, die Menschen, die zu ihnen kommen, um in den letzten Tagen ihres Lebens begleitet zu werden – durchschnittlich für 21 Tage. „Die Rose vor der Tür bremst. Niemand soll unachtsam in das Zimmer gehen“, sagt Keller. Seit Mai 2020 leitet sie das Hospizhaus mit acht Betten in der Ostallee in Trier, der vielbefahrenen Straße mitten in der Stadt. Das Wort Hospiz leitet sich von dem lateinischen Begriff „hospitium” ab, übersetzt bedeutet es „Herberge, Gastfreundschaft”.

Im Hospizhaus ist der Wunsch des Gastes entscheidend, in den Palliativstationen im Krankenhaus wird noch behandelt. Das macht für Keller den großen Unterschied aus. Auch letzte Wünsche versucht das Hospizhaus-Team zu erfüllen. „Oft handelt es sich um Wünsche, die mit Essen zu tun haben, meist mit Lieblingsgerichten aus der Kindheit”. Oder ein Gast wolle noch einmal draußen auf der Terrasse eine Pfeife rauchen, noch einmal eine Weinschorle trinken oder er wünsche, in Ruhe gelassen zu werden. Am Ende des Lebens nehme die körperliche Energie ab, der Sterbende ziehe sich mehr und mehr von dem, was außen geschehe zurück und wende sich nach innen, sagt die Leiterin des Trierer Hospizhauses.

Ihr zufolge sind 90 bis 95 Prozent der Gäste im Hospizhaus Krebspatienten. Im Jahr 2020 seien 120 Menschen in der umgebauten Villa begleitet worden, drei seien wieder nach Hause gegangen. „Es gibt Ausnahmen”, sagt sie. Eine Dame lebe jetzt in einem Pflegeheim. „Ins Hospizhaus kommen die Gäste, wenn die Behandlung abgeschlossen ist, die Patienten medikamentös gut eingestellt sind“, sagt Keller. Die Zusammenarbeit etwa mit Palliativstationen sei sehr gut.

Michael Christ leitet die Palliativmedizin des katholischen Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Trier. Er ist Facharzt für Anästhesiologie. Weiter steht auf seiner Visitenkarte: Palliativmedizin, Schmerztherapie, Notfallmedizin, Intensivmedizin. „Palliativmedizin fängt an, wenn bei einem Patienten die Diagnose nicht heilbar gestellt wird”, sagt Oberarzt Christ. Ziel sei, Lebensqualität und letzte Lebensphase zu verbessern, so dass die Patienten in einem stabilisierenden Zustand nach Hause könnten. Konkret: Symptome wie Schmerzen, Übelkeit, Appetitlosigkeit werden behandelt. Der Mediziner spricht von Symptomkontrolle. Die palliative Versorgung könne bis zu vielen Wochen dauern. Im vergangenen Jahr seien 240 Patienten auf der Palliativstation behandelt worden.

Ein sogenanntes multiprofessionelles Team kümmert sich um Patienten und Angehörige, um körperliche und seelische Schmerzen. Ärzte, Pflegekräfte, Psychologen, Seelsorger, Physiotherapeuten, Aromatherapeuten, Sozialarbeiter arbeiten im Brüderkrankenhaus Hand in Hand. Im Trierer Klinikum Mutterhaus wurden im Jahr 2020 fast genauso viele Patienten wie im Brüderkrankenhaus palliativ behandelt: Laut Klinikum-Sprecherin Michaela Hellmann 235 Patienten. Davon seien 93 Prozent Tumorpatienten gewesen, die meisten hätten bösartige Tumore der Lunge und Atemwege, gefolgt von Brustkrebs und Magen- sowie Darmtumoren gehabt.

Die Corona-Krise stellt Fachkräfte, die Menschen an ihrem Lebensende begleiten, vor große Herausforderungen. In den ersten Monaten der Pandemie sind laut Hellmann weniger Patienten von zu Hause im Mutterhaus aufgenommen worden, die Patientenzahl für 2020 sei aber zum Vorjahr gleich geblieben – trotz Umzugs ins Mutterhaus Nord. Und normalerweise tauschten sich Ärzte und Pfleger sehr intensiv mit den Familien und Angehörigen der Patienten aus. Deren Einbindung gehöre zu einem ganzheitlichen Behandlungskonzept. 

Wegen der restriktiven Besucherregelung sei dies jedoch nur bedingt möglich, sagt Hellmann. Eine große Belastung für Patienten und Personal. „Allerdings wurden und werden in bestimmten Situationen auch Sonderregelungen mit den Familien getroffen“, sagt die Sprecherin des Mutterhauses. Palliativmediziner Michael Christ vom Trierer Brüderkrankenhaus sagt: „Wir lassen niemanden alleine sterben, Sakramente werden ebenfalls gespendet.”

Auch die Gäste im Hospizhaus dürfen besucht werden, so wie in den Krankenhäusern stark eingeschränkt. „Wir müssen Kontakte reduzieren”, sagt Margit Keller. Nur allernächste Angehörige dürften rein: Partner, Eltern, Kinder.

Eine Brücke zum Hospizhaus, zum ambulanten Hospizdienst oder zum sogenannten SAPV-Dienst, ist meist der Sozialdienst der Krankenhäuser. SAPV steht für spezialisierte allgemeine Palliativversorgung. Denn jede Person in Deutschland, die krankenversichert ist, hat Anspruch auf eine SAPV, darauf, dass ein speziell geschultes Arzt-Pflege-Team rund um die Uhr Betreuung gewährleistet. Um diesen Dienst in Anspruch nehmen zu können, braucht es die Verordnung eines Arztes, Krankenkassen übernehmen die Kosten. Häufig wird öffentlich kritisiert, dass Deutschland von einer flächendeckenden SAPV-Versorgung noch weit entfernt sei.

Losgelöst von Corona beobachtet Margit Keller einen Trend: „Immer mehr Menschen wollen zu Hause sterben.“ Auch hier gilt, ob stationär oder ambulant, niemand muss alleine sterben oder Sterbende begleiten.