Hüttenberger verteidigen ihr Wohngebiet

Hüttenberger verteidigen ihr Wohngebiet

Fast 90 Prozent der Bewohner des Baugebiets Hüttenberg in Trierweiler haben in einer Unterschriftenaktion Anwohnerin Helma Diewald unterstützt. Wie berichtet, will die 56-Jährige den Betrieb von Windrädern auf dem Hungerberg und den Verkauf eines gemeindeeigenen Spielplatz-Grundstücks verhindern.

Trierweiler. Das "Klingelputzen" in der Nachbarschaft hat Helma Diewald die von ihr erwartete Rückendeckung gebracht. Fast 90 Prozent der rund 55 Haus- und Wohnungseigentümer im Hüttenberg, einem Wohnviertel von Trierweiler, unterstützen per Unterschrift die 56-Jährige bei ihrem Kampf gegen zwei Vorhaben: den Bau von Windrädern auf dem benachbarten Hungerberg und den Verkauf eines Spielplatz-Geländes.

Wird der Spielplatz aufgelöst? Im Fall des Spielplatzes zielt die Kritik auf die Gemeinde, die das rund 1500 Quadratmeter große Grundstück als Baugelände verkaufen möchte. Eine Haushaltssanierung auf Kosten der Kleinsten passe nicht zu einer Wohngemeinde, die sich auf ihrer Internetseite als attraktiv und kinderfreundlich bezeichne, so Helma Diewald. Das Argument der Gemeinde, der Spielplatz werde nicht angenommen, zieht für sie nicht. "Der wurde ja auch vernachlässigt, nur ein attraktiver Platz wird angenommen." Viele Bürger hätten von den Verkaufsabsichten der Gemeinde nichts gewusst, sagt Diewald.
Dass sich jetzt die Anwohner aufregen, versteht Trierweilers Ortsbürgermeister Matthias Daleiden nicht: "Das Thema wurde in öffentlicher Sitzung vom Ortsbeirat behandelt. Dessen einstimmiger Empfehlung, das Gelände zu verkaufen, hat sich der Gemeinderat angeschlossen." Damals habe es keine Beschwerden gegeben. Im Übrigen gebe es ja mit dem nahe gelegenen Kinderspielplatz im Wingertsberg eine Alternative für Familien mit Kindern. Laut Daleiden sollen hier rund 10 000 Euro in die Erweiterung und neue Spielgeräte gesteckt werden. Auf dem zum Verkauf stehenden Grundstück wolle die Gemeinde keinesfalls einen "Riesenkasten" dulden, so Daleiden, "höchstens ein Zweifamilienhaus". Außerdem könne die Gemeinde die erwarteten 270 000 Euro Einnahmen gut gebrauchen. Daleiden: "Wir haben dieses Jahr 300 000 Euro Schulden angehäuft, stecken viel Geld in die Kitas und müssen zehn Spielplätze unterhalten. Von irgendwo muss das Geld ja herkommen."

Wurde das Wohngebiet Hüttenberg "abgestuft"? In einem Schreiben an den Ortsbürgermeister und die Ortsvorsteher samt angehängter Unterschriftenliste wirft Helma Diewald der Gemeinde auch in ihrer Windkraft-Politik "städtebauliches Versagen" vor.
Die "Abstufung" des Hüttenbergs zum allgemeinen Wohngebiet verursache Misstrauen bei den Bürgern. In ihrem Bauantrag war die Firma Epuron, die zwei 150 Meter hohe Windräder errichten möchte, von dem Hüttenberg als allgemeinem Wohngebiet ausgegangen. Dies gibt ihr mehr Spielraum bei der Einhaltung von Schallschutz-Grenzwerten. Denn bei einem reinen Wohngebiet, als das der Hüttenberg bisher gegolten hat - übrigens auch bei der Gemeinde - müssen tagsüber 50 und nachts 35 Dezibel eingehalten werden. Weist der Bebauungsplan jedoch ein allgemeines Wohngebiet aus, wo bereits höhere Emissionswerte durch gewerbliche Nutzungen bestehen, dann fallen die gesetzlichen Grenzwerte mit 55 beziehungsweise 40 Dezibel für Windkraft-Betreiber großzügiger aus - ein möglicher Pluspunkt bei der Wirtschaftlichkeit der Anlage, wenn sie dadurch etwa nachts durchlaufen darf. Allerdings: Weder die Gemeinde Trierweiler noch die Verbandsgemeinde Trier-Land, die normalerweise für die Aufstellung von Bebauungsplänen zuständig sind, haben den Hüttenberg anders eingestuft. Es waren übergeordnete Behörden.

Was sagen die Behörden? Die Kreisverwaltung, die für fünf Windräder (zwei von Epuron, drei von der Firma Windstrom mit dem heimischen Investor Herbert Kluth) auf dem Hungerberg die Baugenehmigung erteilt hat (der TV berichtete), sagt, sie habe wie bei solchen Verfahren üblich die Gewerbeaufsicht der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord um Prüfung gebeten. Und die habe die Einstufung "Allgemeines Wohngebiet" nach einer Ortsbesichtigung vorgenommen, sagt Winfried Esch vom Umweltreferat des Kreises. Beim Hüttenberg handele es sich um eine am Rande des Ortes gelegene Stichstraße mit ansässigen Gewerbetreibenden, sagt Albert Backes von der SGD. Selbst wenn der Bebauungsplan ein reines Wohngebiet ausweise, zähle die tatsächliche Nutzung, was oft zur Bildung eines Mittelwertes bei der Festlegung des Schall-Grenzpegels führe. Beim Hüttenberg komme erschwerend hinzu, dass der Bebauungsplan - er wurde in den siebziger Jahren aufgestellt - keine Bestandskraft habe. "Man hat versäumt, ihn öffentlich bekanntzumachen", so Backes. Nicht ausgefertigt, so heißt das in der Verwaltungssprache. Dieser Fauxpas macht den Plan formal angreifbar.
Obwohl die strengeren Schallschutz-Einstufungen eines reinen Wohngebiets beim Hüttenberg nicht greifen, muss Epuron nach Aussage von Albert Backes seine beiden Anlagen nachts in reduziertem Betrieb fahren.Meinung

Initiatorin der Unterschriftenaktionen: Helma Diewald. TV-Foto: Albert Follmann.

Clevere Hanseaten
Ganz schön clever, diese Windkraft-Leute von Epuron. Die Hanseaten haben ausgebuddelt, was noch nicht einmal die Gemeinde Trierweiler wusste: Der Bebauungsplan Hüttenberg ist fehlerhaft und damit unwirksam, weil er seinerzeit nicht öffentlich gemacht wurde. Dass dadurch formell der Hüttenberg kein reines, sondern "nur" ein allgemeines Wohngebiet ist, sollte man allerdings nicht überbewerten. Die neuen, 150 Meter hohen Windräder wären auch mit strengeren Schallschutz-Grenzwerten nicht zu verhindern gewesen. Allenfalls hätte Epuron blühen können, dass die Mühlen nachts einen weiteren Gang zurückgeschaltet werden müssen. Bei allen störenden Begleiterscheinungen, die Windräder in der Nähe von Wohngebieten mit sich bringen (Optik, Schall, Lichteffekte, Schattenwurf), sind die Lärmemissionen meist das geringste Übel. Denn im realen Betrieb wird eine Volllast mit maximalem Lärmpegel selten erreicht. Dafür müsste in Nabenhöhe der Wind schon schneller als zehn Meter pro Sekunde blasen, was annähernd 50 Stundenkilometern entspricht. Cleveren Hanseaten und fehlerhaften Bebauungsplänen zum Trotz: Falls Anwohner Widerspruch gegen die Genehmigung der Epuron-Anlagen einlegen sollten (was angesichts der großen Resonanz auf die Unterschriften-Aktion zu erwarten ist), dann wird ohnehin irgendwann einmal ein Gericht festlegen, was auf dem Hungerberg abgehen darf und was nicht. a.follmann@volksfreund.de