Hunderte Akten verbrennen im Trierer Jugendamt - Behörden gehen von Brandstiftung aus

Hunderte Akten verbrennen im Trierer Jugendamt - Behörden gehen von Brandstiftung aus

In den Räumen des Jugendamts am Augustinerhof sind in der Nacht zum Freitag die Akten von 200 bis 250 aktuellen Fällen verbrannt, in denen es um den Schutz des so genannten Kindeswohls geht. Das Feuer ist offenbar in fünf Büros gezielt gelegt worden. Der oder die Täter stahlen zudem Computerzubehör.

Feuerwehreinsatz im Trierer Rathaus. Foto: Agentur siko
Einsatz der Feuerwehr im Trierer Rathaus. Foto: Agentur siko

Als eine Mitarbeiterin des Jugendamts am Freitagmorgen gegen 7.15 Uhr die Tür zum Bürotrakt aufschließt, schlägt ihr Brandgeruch entgegen. Vier Minuten später ist die Feuerwehr vor Ort. Viel zu tun gibt es da allerdings schon nicht mehr. Die Flammen im dritten Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes am Augustinerhof sind bereits erstickt. "Die Akten qualmten und kokelten nur noch vor sich hin", berichtet Andreas Kirchartz, Einsatzleiter der Feuerwehr. "Wir haben dann die Nachlöscharbeiten auf ein Minimum beschränkt, um die Reste der Papiere nicht durch Löschwasser komplett zu zerstören."

Fünf Büros, fünf Brandherde

Wären die Fenster durch die Hitze zu Bruch gegangen, hätte sich leicht ein Großfeuer entwickeln können. "Aber so gingen die Flammen wegen des Sauerstoffmangels offenbar von selbst aus", schätzt Andreas Ludwig, Baudezernent der Stadt Trier, der beim Pressegespräch im Rathaus den eigentlich zuständigen Feuerwehrdezernenten Thomas Egger vertritt, der Herbstferien hat.
Wann das Feuer in den fünf Einzelbüros des Jugendamts in der Nacht ausgebrochen ist, dazu gibt's laut Oberbürgermeister Wolfram Leibe zwar eindeutige Hinweise. Öffentlich machen will die Polizei den genauen Zeitpunkt aus ermittlungstaktischen Grünen allerdings noch nicht. Dass es Brandstiftung war, davon könne allerdings mit größter Wahrscheinlichkeit ausgegangen werden. In jedem der fünf Einzelbüros seien voneinander unabhängige Brandherde entdeckt worden. Das Feuer habe also nicht von einer Quelle aus auf die weiteren Räume übergegriffen, erklärt Kirchartz.

Die Papiere hätten in Aktenschränken aus Stahl gelagert, "schon aus Gründen des Datenschutzes", sagt Oberbürgermeister Leibe. Ob die Flammen so heiß gewesen seien, dass die Aktenschränke nicht standgehalten hätten oder ob das Feuer auch direkt in den Schränken entzündet worden sei, könne noch nicht gesagt werden. Eine Brandmeldeanlage gibt es in dem Gebäude nicht, "und ist für Büroräume auch nicht vorgeschrieben", betont Dezernent Ludwig.

Keine Brandmeldeanlage

Der oder die Täter könnten die Büros über ein Gerüst erreicht haben, das zurzeit an der rückwärtigen Außenwand des Gebäudes steht und bis ins obere Geschoss, vermutet Oberbürgermeister Wolfram Leibe - der beim Pressegespräch die fürs Jugendamt zuständigen Sozialdezernentin Angelika Birk vertritt, die ebenfalls Urlaub hat.

Dort ist der allgemeine soziale Dienst des Jugendamts untergebracht. Insgesamt betreuen 15 Mitarbeiter in ebenso vielen Büros dort alle Fälle, die das so genannte Kindeswohl betreffen - vom Schulverweigerer bis zum Kindesmissbrauch. Auch für Inobhutnahmen, bei denen Kinder ihren Eltern weggenommen werden, ist der allgemeine soziale Dienst zuständig.
Bis zu einem Drittel aller Akten der aktuellen Fälle könnte der Brand vernichtet haben, sagt Carsten Lang, der das Jugendamt seit Anfang September leitet. Da jeder der 15 Mitarbeiter zwischen 40 und 50 Fälle betreue, hätten in den fünf betroffenen Büros etwa 200 bis 250 Einzelakten gelagert.

Aus den Büros sind zudem die so genannten Clients verschwunden. Clients sind elektronische Hilfsgeräte, über die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sich beim Zentralcomputer des Rathauses anmelden können. Auf diesem zentralen Computer sind alle Daten gespeichert. Auf den Clients selbst und auch auf den Rechnern in den Einzelbüros seien keine Daten gespeichert, erklärt Oberbürgermeister Leibe. Mit den Clients könne man sich zudem nur innerhalb des Rathaus-Netzwerks in den Zentralrechner einloggen, der Täter könne also mithilfe dieser Geräte die Daten nicht von zu Hause aus lesen oder manipulieren.

Weil die gesamte Büroetage wegen der Brandschäden vorerst nicht genutzt werden kann, zieht die Jugendamtsabteilung am Montag auf städtische Büroflächen in der Hindenburgstraße 2 um. Unter der zentralen Rufnummer 0651/718-1509 bleibe das Amt jederzeit erreichbar, betont Lang.
Auch bei der Betreuung der 200 bis 250 betroffenen Familien, zu denen die verbrannten Akten gehören, ändere sich nichts. Die wichtigsten Daten seien elektronisch gespeichert. Eltern müssten keine Sorge machen, dass zum Beispiel vereinbarte Zahlungen nicht ausgeführt würden. Da ein großer Teil der Fälle von freien Trägern direkt betreut würde, und das Jugendamt bei diesen lediglich die Hauptakten führe, könnten viele Daten wohl auch rekonstruiert werden.

Die Kriminalpolizei sucht Zeugen und fragt: Wer hat verdächtige Wahrnehmungen in der Nacht zum Freitag im Bereich des Jugendamtes Trier gemacht? Zeugen werden gebeten, sich bei der Kriminalpolizei in Trier zu melden unter Telefon: 0651/9779-2290 bzw. -0.