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Hunderte Anrufe bei Hotlines nach Amokfahrt in Trier - Traumaberater haben viel zu tun

Nachsorge : Hunderte Menschen suchen Hilfe nach Amokfahrt

Verletzte, Traumatisierte und Trauernde melden sich bei den Opfer-Hotlines. Fast fünf Wochen nach der Tat gehen noch viele Anrufe ein.

Fünf Todesopfer, mehr als 24 Verletzte und womöglich Hunderte teils traumatisierte Augenzeugen: Die Folgen der Amokfahrt vom 1. Dezember 2020 in der Trierer Fußgängerzone sind noch längst nicht überwunden. Das zeigt auch die Antwort einer TV-Anfrage beim Opferbeauftragten des Landes Rheinland-Pfalz. Demnach haben inzwischen 288 Menschen mit den drei Hotlines Kontakt aufgenommen, die kurz nach der Tat in Betrieb genommen wurden. „Dabei nehmen nicht nur selbst Betroffene sondern auch Offizielle – wie zum Beispiel Akteure der Feuerwehr oder anderer Rettungskräfte – die Angebote psychosozialer Akuthilfe in Anspruch“, erklärt Laura Acksteiner, Pressesprecherin des Landesamts für Soziales, Jugend und Versorgung (LSJV).

Beim LSJV ist der Opferbeauftragte des Landes Rheinland-Pfalz angesiedelt. Dieser schreibe Verletzte, Angehörige Verstorbener und alle Tatzeugen an. „In enger Kooperation mit der vor Ort ansässigen Polizeibehörde versuchen wir, so viele Menschen wie möglich zu erreichen“, versichert die Pressesprecherin. Kurzfristige Kontaktaufnahmen mit eventuell traumatisierten Menschen seien ohne Unterstützung der Polizei unmöglich. „Und gerade in einer frühzeitigen psychosozialen Hilfestellung liegt die Chance, Spätfolgen traumatischer Ereignisse zu mildern oder vollständig zu vermeiden“, erklärt sie.

Insgesamt habe der Opferbeauftragte nach der Amokfahrt bis Anfang Januar 307 Menschen (Opfer, Zeugen, Ersthelfer und Angehörige von Opfern) kontaktiert. „Wie ein Mensch allerdings ein traumatisches Ereignis aufarbeitet, ist von ganz unterschiedlichen und individuell geprägten Bewältigungsmustern abhängig“, führt die Pressesprecherin weiter aus. Nicht alle, die Schlimmes erlebten, müssten gleichzeitig traumatisiert sein. „Manche Menschen haben den Eindruck, sehr gut mit dem Erlebten zurecht zu kommen und beobachten erst später Symptome, durch die sie sehr belastet sind“, sagt Acksteiner. „Andere benötigen sofortige Unterstützung, damit sich keine Posttraumatischen Belastungsstörungen bilden können.“ Aus diesem Grund sei es eine individuelle Entscheidung, das Angebot des Opferbeauftragten jetzt, zu einem späteren Zeitpunkt oder gar nicht in Anspruch zu nehmen. Eine genaue Anzahl von Menschen, die Hilfe benötigten, könne deshalb nicht genannt werden. „Wichtig ist zunächst, dass es ein unterstützendes Angebot gibt, und dieses Angebot des Opferbeauftragten ist zeitlich nicht begrenzt“, betont die Pressesprecherin.

Allerdings zeigt eine andere Zahl, dass der Bedarf nach sofortiger psychosozialer Akutversorgung von Betroffenen groß ist. Die entsprechende Hotline haben laut LSJV 180 Anrufer in Anspruch genommen. Diese Hotline kann unter der Nummer 0800/0010218 auch weiterhin genutzt werden: Von Montag bis Freitag stehe unter dieser Nummer ein professionelles Team von 9 bis 17 Uhr für Gespräche zur Verfügung. Da zunächst die Nachfrage nach intensiver psychosozialer Unterstützung extrem stark war, eröffnete das LSJV eine weitere Hotline unter der Nummer 0800/5758767, unter der Mitarbeiter der Behörde in Zusammenarbeit mit dem Traumanetzwerk Trier zeitnahe Termine bei ortsansässigen Psychotherapeuten vermitteln. Diese haben laut dem Landesamt bisher 56 Menschen kontaktiert. Sie alle seien an Traumaambulanzen weitervermittelt worden, heißt es auf TV-Anfrage. Dort sollen sie nun professionelle Hilfe bekommen.

Eine dritte zentrale Anlaufstelle ist die Geschäftsstelle des Opferbeauftragten, die sowohl per E-Mail als auch per Telefon für alle aufkommenden Fragen zuständig ist. Dort haben sich bisher 52 Personen gemeldet. Ein Antragsverfahren nach dem Opferentschädigungsgesetz (siehe Info) sei bislang in 24 Fällen begonnen worden, sagt Acksteiner. Und: „In absehbarer Zeit ist damit zu rechnen, dass weitere Anträge folgen. Das LSJV geht aktiv auf die Betroffenen zu.“