"Ich bin kein Betrüger"

Der seit Herbst 2006 andauernde Rechtsstreit um angebliche Schadstoffe im Boden des Humboldt-Gymnasiums geht weiter. Ein unabhängiges Institut zog in der Aula der Schule neue Proben.

Trier. "Wir bestätigen, dass eine Materialprobe im Humboldt-Gymnasium vom Institut für Umwelttechnik aus Ochtendung entnommen wurde", sagte Hans-Günther Lanfer, Leiter des städtischen Presseamts, am Freitag auf Anfrage des TV. "Die Analytik ist noch nicht abgeschlossen und es liegt uns kein Ergebnis vor. Allerdings sind wir nicht der Auftraggeber."

Damit hat Lanfer recht. Das Institut für Umwelttechnik war im Auftrag des Amtsgerichts Trier unterwegs, das seit mittlerweile 30 Monaten mit einem Rechtsstreit zwischen der Stadt Trier und einem Abbruchunternehmer beschäftigt ist.

Reinhard Ellert, der besagte Unternehmer, fand 2006 während eines Abbruchauftrags in der Aula der damals noch nach Paul von Hindenburg benannten Schule eine schwarze Substanz. Mit Hilfe des befreundeten und auf Schadstoffe spezialisierten Unternehmers Rainer Grünen ließ er eine Probe nehmen und schickte diese an die Institut Koldingen GmbH im niedersächsischen Burgwedel. Dieses Institut lieferte schließlich ein Ergebnis, das Ellerts Alarm zu bestätigen schien.

Eine PAK-Summe von 190 Mikrogramm pro Kilogramm stand auf dem Prüfbericht. PAK steht für polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe. Ihr Grenzwert liegt bei 50 Mikrogramm pro Kilogramm, sie gelten in der Fachliteratur als "nachweislich Krebs erregend" und "schädlich für das Immunsystem".

Die Stadt Trier entzog Ellert den Auftrag und nannte ihn einen Betrüger, der mit einer gefälschten Probe ein höheres Auftragsvolumen habe herausschlagen wollen. Der damalige Baudezernent Peter Dietze, heute im Ruhestand, zeigte Ellert und Grünen wegen Betruges an.

Fünf neue Proben sollen Klarheit schaffen



Die Auseinandersetzung zwischen Reinhard Ellert und der Stadt Trier nahm schnell an Fahrt auf. Im Februar 2007 stand die Kripo vor der Tür des ehemaligen Zeitsoldaten und fahndete laut Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts nach "weiteren relevanten Proben, Aufzeichnungen über die Entnahme der Proben und aufschlussreicher Korrespondenz in vorliegender Sache". Nichts von alldem war bei Familie Ellert zu finden.

Der nächste Paukenschlag folgte knapp ein Jahr später. Reinhard Ellert erhielt einen Strafbefehl über 6000 Euro und vier Monate auf Bewährung. Der zuständige Richter Wolf-Dietrich Strick sah es als erwiesen an, dass die Probe, die Ellert und Grünen hatten analysieren lassen, eben nicht aus der Aula der Schule stammte. Ellert legte Widerspruch ein, im September 2008 begegneten sich beide Parteien zum ersten Mal vor Gericht. Doch der Prozess platzte, Ellerts Anwalt hatte aufgrund eines "Büroversehens" — offenbar eine unvollständig kopierte Akte — keine komplette Akteneinsicht.

Im Dezember 2008 folgte der zweite Versuch vor Gericht, und die Dinge schienen sich zu wenden. Richter Wolf-Dietrich Strick setzte das Verfahren nach sechseinhalb Prozess-Stunden aus und ordnete an, ein unabhängiger Gutachter solle den Boden unter der Aula-Bühne noch einmal untersuchen.

Dieser Vorgang läuft zurzeit. "Das Institut für Umwelttechnik hat in der Aula des Humboldt-Gymnasiums fünf neue Proben genommen", sagt Reinhard Ellert.

"Alle fünf waren genauso schwarz wie der Stoff, den ich 2006 entdeckt habe und mit dem der ganze Ärger begann." Der Unternehmer wiederholt den Satz, den er seit mehr als zweieinhalb Jahren immer wieder gesagt hat: "Ich bin kein Betrüger."

Meinung

Von Jörg Pistorius

Viel zu spät reagiert

Zweieinhalb Jahre hat es gedauert, bis endlich die Frage in den Vordergrund rückt, die von Anfang an oberste Priorität hätte haben sollen: Gab es im Humboldt-Gymnasium tatsächlich Krebs erregende Schadstoffe? Gibt es sie heute noch? Der Punkt hätte geklärt werden müssen, bevor Jahre mit Anschuldigungen, geplatzten Prozess-Tagen und Hausdurchsuchungen ohne Ergebnis vergingen. Denn die Gesundheit der Schüler und Lehrer ist der wichtigste Punkt im großen Schadstoff-Streit. j.pistorius@volksfreund.de