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"Ich bin komplett unschuldig"

"Ich bin komplett unschuldig"

Ein Lohn von unter zwei Euro pro Stunde. Saisonarbeiter, eingesperrt auf einem Hof. Vorwürfe, die sich im Prozess vor dem Wittlicher Amtsgericht so jedoch nicht bestätigten. Wegen Menschenhandels, Freiheitsberaubung und Betrugs waren gestern zwei Mitarbeiter einer Kranzbinderei angeklagt. Das Verfahren wurde wegen geringer Schuld eingestellt.

Wittlich. Sogar das polnische Konsulat war eingeschaltet im Herbst vor drei Jahren. Entnervte Saisonarbeitskräfte hatten sich dort gemeldet und geschildert, dass sie für ihre Arbeit in einer Kranzbinderei im Kreis Bernkastel-Wittlich bislang kein Geld bekommen hätten. Dass sie nicht wüssten, wie viel sie überhaupt bekämen. Und dass sie von dem Hof, in dem sie untergebracht seien, nicht wegkämen. Das gerichtliche Nachspiel zu dem Vorfall folgt gestern vor dem Schöffengericht in Wittlich.

"Das Ganze ist eine Farce" raunt der Hauptangeklagte, Chef der Kranzbinderei, schon vor Beginn der Verhandlung. Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft, Freiheitsberaubung und Betrug werden ihm und seiner Angestellten laut Anklageschrift vorgeworfen. Die beiden sollen mehrere unter falschen Verdienstversprechungen angeworbene polnische Saisonarbeiter jeweils für vier bis sechs Wochen beschäftigt haben. Den Arbeitern sei untersagt worden, das Gelände zu verlassen. Das Betriebstor sei verschlossen gewesen. Letztlich sollen sie nur einen Stundenlohn von unter zwei Euro erhalten haben.

"Mein Mandant beschäftigt seit 20 Jahren polnische Arbeitskräfte" betont dessen Verteidiger Rainer Zahnhausen. Es habe nie Beschwerden gegeben, viele Saisonarbeiter kämen seit Jahren. Auch sei das Gelände frei zugänglich, da nicht komplett umzäunt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Thomas Roggenfelder, der die Angestellte vertritt, legt er Arbeitsverträge vor, aus denen hervorgeht, dass entweder nach Stunden oder je gebundenen Kranz abgerechnet werden konnte. Allen Arbeitern sei aber klar gewesen, dass sie nach Akkord, also pro gebundenen Kranz, bezahlt werden und dass das Geld am Ende ihrer Tätigkeit auf dem Hof ausgezahlt werde. Jeder habe während seiner Zeit auf dem Hof ein Heft geführt, in dem er die von ihm gebundenen Kränze eingetragen habe. Anhand dieser Unterlagen sei die Abrechnung erfolgt. Es habe eine Preisliste ausgehangen, wie viel man für welchen Kranz erhalte: etwa für ein Gebinde im Durchmesser von 23 Zentimetern 55 Cent, für eins von 30 Zentimetern einen Euro.

"Wir hätten mehr Geld bekommen müssen", ist sich dagegen eine ehemalige Saisonarbeiterin sicher. Ihr Mann hatte 2011 das Konsulat eingeschaltet. Dieses brachte das Verfahren ins Rollen. Insgesamt wurden später gut ein Dutzend Saisonarbeitskräfte aus Polen bei der polnischen Polizei vernommen. Auf ihre Vorwürfe stützt sich die Anklageschrift. Offenbar hatten einige von den Saisonarbeitern erwartet, mehr Geld bei der Kranzbinderei verdienen zu können - gestützt auf Erzählungen ehemaliger Beschäftigter. Allerdings erscheinen gestern nur zwei von den Arbeitern vor Gericht. Die beiden Zeugen schildern, dass das Tor des Hofs meist zugesperrt gewesen sei. Sie räumen aber auch ein, dass sie den Hof jederzeit zu Fuß von der rückwärtigen Seite aus hätten verlassen können. Bis zu 1000 Euro Verdienst, sagt die Zeugin, habe die polnisch sprechende Angestellte im Vorfeld versprochen, etwa 850 Euro bekamen sie und ihr Mann jeweils - berechnet nach der Anzahl der von den beiden gebundenen Kränzen, eingetragen in das Heft.

"Das ist das Wesen der Akkords", meint dazu selbst Staatsanwalt Wolfgang Spies. Er sieht - wie auch der vorsitzende Richter Stephan Ehses und die beiden Verteidiger - nach der bisherigen Beweisaufnahme weder den Vorwurf der Freiheitsberaubung, noch des Menschenhandels, noch des Betrugs bestätigt. Allerdings, gibt er zu bedenken, habe man aber auch nur zwei der vielen Zeugen hören können. Es käme eventuell eine Nötigung der Saisonarbeitskräfte in Betracht.

"Die beiden haben einen Freispruch verdient", widerspricht Verteidiger Roggenfelder. "Um dies aber aufklären zu können, wäre die Vernehmung weiterer Zeugen, auch aus Polen, nötig", gibt Richter Ehses zu bedenken. Er schlägt vor, das Verfahren bezüglich einer eventuellen Nötigung wegen geringer Schuld einzustellen. Staatsanwalt Spies und die Verteidiger gehen darauf ein - letztere zwar widerwillig, aber um den Angeklagten "ein langjähriges Verfahren zu ersparen"."Ich bin im Prinzip komplett unschuldig", ist auch der Chef der Kranzbinderei überzeugt, "ich mache den Deal nur mit, damit ich weiterarbeiten kann."