"Ich will essen, ohne tot vom Stuhl zu fallen"
Die Musik und Bücher waren ihr Leben. Und noch heute definiert sich die Musikwissenschaftlerin Dagmar Braunschweig-Pauli über die Musik. Größere Bekanntheit erlangte sie allerdings durch ihre engagierte Arbeit im Kampf gegen künstliche Jod-Zusätze in der Nahrung.
Trier. Sie sieht aus wie das blühende Leben, versprüht mit ihrem herzlichen Lachen eine Heiterkeit und eine Lebensfreude, die anstecken. Diese Frau liebt ihr Leben, ist dankbar, dass sie es leben darf. Und sie kämpft.Obwohl Dagmar Braunschweig-Pauli auf den ersten Blick nicht nach engagierter Streiterin aussieht, ist ihr diese Aufgabe inzwischen doch auf den Leib geschneidert. Für sich selber, aber auch für "zig-tausend Betroffene" fährt die gebürtige Duisburgerin verbal und in schriftlicher Form die Krallen aus, wenn das Stichwort Jod fällt. "Die künstliche Zwangsjodierung, die bei uns vorgenommen wird, ist ein Verbrechen, ein Verstoß gegen das Grundgesetzt. Diesem Skandal kann ich nicht zusehen", betont die 57-Jährige, die am eigenen Leib erfahren musste, wovon sie spricht.Eigentlich sollte das Leben von Dagmar Braunschweig friedlich und mit musikalischem Schwerpunkt verlaufen. An der Folkwang-Hochschule in Essen studierte sie nach dem Abitur Musikpädagogik, absolvierte die staatliche Musiklehrerprüfung für Klavier und besuchte die Klavier-Meisterklasse. Die junge Frau gab Orgelkonzerte, war als freie Musikkritikerin an Zeitungen tätig.Die Leidenschaft für Bücher bewog sie schließlich zum Studium der Musikwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte an der Uni Bonn. "Für mittelalterliche Handschriften und Notationen hatte ich ein Faible", erzählt die Wissenschaftlerin, die sich darauf spezialisierte, mittelalterliche Musik in heutige Noten zu übertragen.Nach Trier kam Dagmar Braunschweig-Pauli 1986, als ihr Mann Dr. Heinrich Pauli die Leitung des Cusanus-Instituts übernahm. In den beiden nächsten Jahren kamen Tochter Herrad Oranna und Sohn Hieronymus Maximilian zur Welt. Neben ihrem Leben für die Familie und mit der Familie arbeitete Dagmar Pauli weiter wissenschaftlich, legte etwa auf Anfrage eine mehrstimmige Bearbeitung zu dem mittelalterlichen Werk "Trierer Marienklage und Osterspiel" vor. Auch gab sie ein Büchlein mit Kinderliedern sowie kurze Geschichten für Kinder heraus.Gründerin und Sprecherin der deutschen Jodallergiker
Schlagartig änderte sich das beschauliche, fröhliche Leben der gesamten Familie Pauli im Jahr 1995. "Plötzlich sah ich schlecht, bekam eine wahnsinnige Akne und hatte heiße Knoten in der Schilddrüse", erinnert sich Dagmar Braunschweig-Pauli an den Beginn ihrer Krankheit. Die Diagnose lautete auf "jodinduzierten Morbus Basedow", und die Ärzte erklärten lapidar, damit müsse sie nun leben, solle aber auf Jod verzichten, um das Fortschreiten nicht zu beschleunigen. "Aber ich wollte auf keinen Fall mit dieser Krankheit leben, kaufte mir erste medizinische Handbücher und konzentrierte mein wissenschaftliches Arbeiten auf die Medizin."Inzwischen ist Dagmar Braunschweig-Pauli dank Achtsamkeit und strenger Kontrolle gesund. Als Gründerin und Sprecherin der deutschen Selbsthilfegruppe der Jodallergiker, Morbus Basedow- und Hyperthyreose-Kranken vertritt sie die Interessen tausender Patienten, die wie sie selber ihr Leben komplett verändern mussten.Dieser Einsatz richtet sich gegen die künstliche Zusetzung von Jod in deutschen Nahrungsmitteln und vor allem auch in Tierfutter. In zahlreichen Büchern, Artikeln und Vorträgen kämpft die 57-Jährige dagegen an, dass "ein Stoff mit medikamentöser Wirkung flächendeckend verabreicht wird, obwohl jeder Mensch einen individuellen Jodbedarf hat".Dagmar Braunschweig-Pauli kann aufgrund der künstlichen Jodierung zum Beispiel nicht mehr auswärts essen, kann in kein Cafe gehen ("über Tierfutter gelangt künstliches Jod in Milchprodukte"), muss Räume mit Salzkristall-Leuchten meiden und kann längst nicht mehr unbeschwert verreisen ("Dann muss ich immer meine Lebensmittel mitnehmen").Etwa einem Drittel der Bundesbürger ergehe es ebenso, erklärt die Wissenschaftlerin und verweist auf Erfolge ihrer Arbeit: Europaweit wurde die zulässige Jodmenge im Tierfutter von 40 auf 5 Milligramm pro Kilo herabgesetzt. Und die Jodierung des Trinkwassers in Deutschland wurde verhindert."Mein Ziel ist es aber, wieder deutsche Lebensmittel essen zu können, ohne tot vom Stuhl zu fallen", betont die Jod-Kritikerin. Genau das aber könne passieren, wenn sie etwa deutsche Milch, Wurst oder Käse zu sich nimmt.Trotz aller Schicksalsschläge - vor acht Jahren starb Ehemann Heinrich - hält Dagmar Braunschweig-Pauli an ihrer Lebensfreude fest. Und außer den beiden Kindern und Hund Zora trägt die Musik etwa bei Klavierunterricht, Hausmusik-Abenden oder "einfach zwischendurch" wesentlich dazu bei, immer wieder dieses warme, herzliche Lachen hervorzuzaubern.