Im Logbuch stehen nur noch wenige Termine
Trier · Sie war Ziel von Schulklassen aus der ganzen Republik und von Radfahrern, Wanderern, Ausflüglern. Die einen wollten dort übernachten, die anderen zur Pause einkehren. Das Minensuchboot Uranus war seit 1973 das schwimmende Vereinsheim des Marinevereins, Jugendherberge und Gaststätte. 2008 wurde das Boot verkauft, Ende 2010 verschrottet.
Trier. Donnerstag, 20 Uhr. Dieser Termin ist wöchentlich im Logbuch des Marinevereins eingetragen. Viele gemeinsame Aktivitäten gibt es ansonsten nicht mehr. Als er 100 Jahre alt wurde, hatte der Marineverein 1903 etwa 30 Mitglieder, heute sind es gerade noch 16. Aber die treffen sich regelmäßig. Und immer noch auf der Mosel in einem schwimmenden Vereinsheim namens Uranus. Zu vergleichen ist das Hausboot mit seiner Vorgängerin, dem Minensuchboot Uranus, allerdings nicht.
Letzte große Fahrt 1973
Ein wenig martialisch mutete es schon an, das Boot, das der Trie rer Verein als Leihgabe vom Bund erhielt. 1963 in Dienst gestellt, wurde die Uranus bereits zehn Jahre später ausgemustert. Am 10. März 1973 lief sie in Trier ein. Die vorerst letzte Fahrt führte etwa 1358 Kilometer durch den Nord-Ostsee-Kanal über Rotterdam durch den Rhein und die Mosel nach Zurlauben, wo sie um 16.24 Uhr anlegte und vertäut wurde. Die Ankunft der Uranus wurde mit großem Tamtam gefeiert. Zwar waren alle Auf- und Einbauten, die an ihre militärische Nutzung erinnerten, entfernt. Aber die Aufteilung der Kajüten - eine für den Kapitän, zwei bis drei für Offiziere und drei für die Besatzung - und der Grundaufbau blieben erhalten.
Der Marineverein baute das Minensuchboot zur Jugendherberge um und aus, in der sich 33 Übernachtungsgäste vom Wellengang der Mosel in den Schlaf schaukeln lassen konnten. In Spitzenzeiten nächtigten in einem Sommer bis zu 3000 Menschen auf der Uranus, die Zahl sank aber mit den Jahren auf etwa 1200 bis 1600, die den Weg ans Ufer in Höhe des Estricher Hofs fanden. Noch heute bewahrt der Marineverein die Gästebücher auf, in die sich Schulklassen, Ausflügler und sogar ein koreanischer Major eingetragen haben. Sie sind aber auch ein Dokument des Niedergangs der 47 Meter langen Uranus.
1988 wurde das Holzboot generalüberholt. Und überstand schadlos das Moselhochwasser von 1993. "Die Uranus lag im Winter ja wie üblich im Hafen. Vom Ufer aus war sie aber nicht mehr zu erreichen. Sie thronte regelrecht über dem Hafen", erinnert sich Wolfgang Lauer (52), Vorsitzender des Marinevereins. Abwechselnd hielten die Mitglieder bei ihrem Flaggschiff Wache, um die Drahtseile, mit denen die Uranus festgemacht war, bei Bedarf, also immer wenn das Wasser weiter stieg, zu verlängern.
In den kommenden Jahren erschwerten immer mehr Auflagen und Prüfungen vor allem für den Gastronomiebetrieb dem Marineverein, der mit viel Energie und Eigenleistung am Werke war, den weiteren Erhalt des Ex-Minensuchers.
Der Vertrag des Pächters, der den Biergarten an Deck betrieb, lief 2007 aus, und der Bund übernahm wieder die Verantwortung für die Uranus, die von der bundeseigenen Verwertungsgesellschaft Vebeg GmbH zum Verkauf ausgeschrieben wurde. 2008 war ein neuer Besitzer zur Stelle, dessen Vorhaben, ein Museumsschiff aus der Uranus zu machen, scheiterte.
Allerletzte Fahrt 2010
Er veräußerte das Boot 2009 weiter, doch auch die Pläne des neuen Schifsseigners, der das alte Gastroschiff wieder flottmachen und in Magdeburg bewirtschaften wollte, floppten.
Die Uranus dümpelte zunächst im Trierer, dann im Bernkastel-Kueser Hafen herum. Ihre letzte Fahrt trat sie im November 2010 an: Von einem Schlepper wurde sie von Bernkastel zurück nach Trier verfrachtet und in der Trie rer Schiffswerft Boost - wo sie 22 Jahre zuvor auf Vordermann gebracht worden war - abgewrackt.
"Die Uranus war ein schönes Ausflugsziel, aus dem Trier nichts gemacht hat", sagt Wolfgang Lauer. "In Zurlauben hätte sie sich besser gemacht, aber dafür bekamen wir keine Genehmigung." Das Ende der Uranus bedeutete aber nicht gleichzeitig die Auflösung des Marinevereins. Er besteht weiter. Und die Uranus lebt auch irgendwie weiter: An ihrem Liegeplatz, dem Steg in Höhe des Estricher Hofs oberhalb der Staustufe, hat der Verein immer noch sein Clubheim: wieder ein schwimmendes, ein Hausboot mit Namen Uranus.
Im Krimi fährt sie weiter
Wer genau hinsieht, kann auf dem Metalltor, das den Steg für unliebsame Gäste versperrt, auch noch die Vorgängerin erkennen - in stilisierter Form, ausgestanzt über dem Namenszug des Vereins. Schwarz auf Weiß kann man die Uranus auch in der lokalen Literatur erleben: Als "Neptun" taucht sie im Krimi "Tango Mosel" von Mischa Martini als Pensionsschiff für Bauarbeiter einer Abzocker-Firma am Zurlaubener Ufer auf - dort, wo die Uranus in der Realität hätte vor Anker liegen sollen, wäre es nach den Wünschen des Marinevereins gegangen.
Der trifft sich nun weiter oberhalb der Trierer Schleuse, am eigenen Steg, im schweimmenden Clubheim, immer am Donnerstag, 20 Uhr. Dieser Termin gilt der Pflege der Gemeinschaft, die auch offen für neue Interessierte ist. Und wenn auch nur selten Knoten geknüpft und Seemannsgarn gesponnen werden, die Liebe zum Wasser und die lange Vereinsgeschichte eint die Mitglieder bis heute.