Im Westen gibt's viel zu entdecken
Neben der weltbekannten Porta Nigra besaß das römische Trier weitere Stadttore. Eines davon ist das Westtor an der Römerbrücke, von dem nur die Fundamente erhalten sind. Dorthin zieht es Stadtführer Hans-Joachim Kann immer wieder.
Trier. Beim Spaziergang am Moselufer unter der Römerbrücke bückt sich Stadtführer Hans-Joachim Kann nach einem Geldstück. "Bundesrepublik Deutschland, 1994" - es ist nur ein rostiger Pfennig. Seinen Blick für Münzen hat der pensionierte Lehrer noch aus der Zeit, als er hier im Fluss nach Schätzen suchte. Im Juli 1975 gelang ihm ein spektakulärer Fund - ein römischer anderthalbfacher Aureus, neun Gramm pures Gold.Schon deshalb übt dieser Ort auf Hans-Joachim Kann eine geradezu magische Anziehungskraft aus. Doch es sind auch die Reste römischer Bauwerke, die ihn faszinieren. Er zeigt auf die Mauer aus massiven Steinquadern, jeder einzelne mehrere Tonnen schwer, insgesamt gut drei Meter hoch und fast 30 Meter breit. "Für eine Uferbefestigung ist das viel zu aufwendig." Vermutlich befand sich hier auf der Westseite der Brücke ein römisches Stadttor, das Gegenstück zum Osttor am Amphitheater, verbunden durch die heutige Südallee.Wie das Brückentor aussah, darüber lässt sich nur spekulieren. In den mittelalterlichen Gesta Treverorum heißt es: "Es übertraf durch seine wundervolle Pracht und die unvergleichliche Schönheit seiner Türme alle übrigen Tore. Dieses zierten sie mit Sternen aus Gold, die dem benachbarten Schiffshafen als Leuchten dienten." Wenn diese Schilderung vielleicht auch eher ins Reich der Legende gehört, so ist dennoch gut vorstellbar, dass hier ein eindrucksvolles Bauwerk stand. Die exponierte Lage am Hafen und die kürzeste Verbindung zur Römerstraße auf den Moselhöhen ließen dem Westtor eine besondere Bedeutung zukommen. Sein Name "Porta Inclyta" - das berühmte Tor - ist dagegen eine spätere Erfindung. "Die Römer hatten die Angewohnheit, Tore nach der nächsten großen Stadt zu benennen", sagt Hans-Joachim Kann. "Die Chancen stehen daher gut, dass es Porta Colonia hieß."Durch die Vielzahl gut erhaltener römischer Bauten in Trier führt manch andere Sehenswürdigkeit ein Schattendasein. Gerade die linke Moselseite ist davon betroffen, beispielsweise die Reste der römischen Villa in Euren oder die Grabkammern auf dem Friedhof in Trier-West. Auch die Existenz des Westtores ist in der Öffentlichkeit kaum bekannt. "In jeder anderen deutschen Stadt wäre das eine große Attraktion", glaubt der Hobby-Archäologe.Seine Goldmünze legte Hans-Joachim Kann übrigens zunächst in den Safe. "Alle halbe Jahre habe ich sie in die Hand genommen." Hätte er sie privat verkauft, er wäre ein reicher Mann geworden. Schließlich überließ er seinen Schatz weit unter Wert dem Landesmuseum für 100 000 Mark. Die Hälfte davon stand ihm als Finder zu - er verwendete sie zur Gründung einer Stiftung für mittelalterliche Archäologie. Für sich behielt er nicht einmal einen rostigen Pfennig. EXTRA Hans-Joachim Kann, geboren 1943 in Neuwied, kennt Trier wie seine Westentasche. Der promovierte Anglist wurde vor fast 40 Jahren Stadtführer, als er 1969 zur Lehramts-Ausbildung an die Mosel kam. Der Studiendirektor unterrichtete bis zu seiner Pensionierung Deutsch und Englisch am Max-Planck-Gymnasium. Die Archäologie, die er gerne studiert hätte, aber für eine "brotlose Kunst" hält, wurde sein Hobby. Daneben widmet sich Kann der Schriftstellerei. Neben Reiseliteratur hat er Gedichte und Geschichten veröffentlicht, darunter den archäologischen Kriminalroman "Der dritte Arm". (daj)